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Johannisburg in Ostpreußen

 
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Albertinum: Das 1858 begonnene und 1864 fertiggestellte neue Universitätsgebäude
der Herzog-Albrecht-Universität in Königsberg. Zeichnung: Archiv

Ostpreussische Tradition:
Ein alter, doch nicht vergessener Brauch
Alberten, Cerevis und Stürmer als Symbole für die Erlangung der Hochschulreife
von Ruth Geede

Die Nadel hat ins Schwarze gestochen: Die Frage von Renate Pöhlmann aus Herrsching nach den „rätselhaften Zeichen“ auf den Anzügen der sechs Herren auf dem alten Gruppenfoto hat eine Flut von Zuschriften ausgelöst. Denn es handelte sich ja, wie wir schon kurz erklärten, um eine Gruppe ostpreußischer Abiturienten, die - mit Stürmer und Alberten geschmückt - ihr bestandenes Examen feierten. Besonders die Alberten - die Nadeln mit dem Brustbild des Gründers der Königsberger Universität, Herzog Albrecht von Brandenburg - weckten Erinnerungen bei jenen Leserinnen und Lesern, die sich einmal selber damit schmücken durften. Aber auch zu den Personen auf dem Foto gab es Erklärungen, und das war ja der eigentliche Zweck der Veröffentlichung dieser nach Tilsit weisenden Leserfrage.

Die zweifellos aufschlußreichsten Informationen vermittelte uns Dipl.-Ing. Gernot Grübler. Als Verwalter des Archivs der Schulgemeinschaft Realgymnasium / Oberschule für Jungen zu Tilsit fand er in den Archivunterlagen ähnliche Abbildungen von Abiturienten dieser Schule und konnte zumindest Gleichheit in den Schülermützen feststellen. Nach deren Aussehen müßte es sich bei den Trägern um Tilsiter Abiturienten des Jahrganges 1912 oder 1913 des Königlichen Realgymnasiums zu Tilsit handeln.

Leider fehlen in dem umfangreichen Abiturientenverzeichnis der Schule die Namen der Abiturienten der Jahrgänge Ostern 1903 bis Michaelis 1913. Herr Grübler verglich die Zahl der Abiturienten der einzelnen Jahrgänge und neigt dazu, das Foto dem Abitur-Jahrgang 1913 zuzuordnen. In jenem Jahr konnte die Schule zu Ostern acht Abiturienten - einschließlich einer weiblichen Absolventin! - verzeichnen. Sechs sind auf dem Foto zu sehen. Dieses Datum entspräche auch dem Alter des auf dem Foto abgebildeten Johannes Post, Vater von Frau Pöhlmann.

Und nun kommt etwas sehr Interessantes: Im Abiturientenverzeichnis des Jahrgangs 1914 steht der Name Walther Kurt August Post, geb. 1896 zu Tilsit, der am 26. Februar das Zeugnis der Reife erhielt. Er ist der Sohn des Tilsiter Mittelschullehrers Post. Handelt es sich hier um einen Bruder des abgebildeten Vaters von Frau Pöhlmann?

Ein Anruf in Herrsching brachte Klarheit: Ja, der genannte Abiturient ist ein Bruder des Vaters von Frau Pöhlmann, der Mittelschullehrer August Post ihr Großvater. Um so klarer wird jetzt das Bild: Der auf dem Foto abgebildete Abiturient Johannes Post, knapp zwei Jahre älter als sein Bruder Kurt, dürfte also ein Jahr vor diesem die Reifeprüfung bestanden haben.

Na, das ist doch schon was, wenngleich zu den anderen Abgebildeten auf dem Gruppenfoto keine Zuschriften kamen. Dafür aber jede Menge Briefe und Anrufe mit Erklärungen über diesen ostpreußischen Brauch. Das Foto hat viele Erinnerungen geweckt, auch heitere, wie bei jenem Tilsiter, der bei Frau Pöhlmann anrief und meinte: „Und in diesem Aufzug zogen sie dann über die Hohe Straße, und abends waren sie alle voll!“ Vielleicht sprachen da eigene Erfahrungen mit!

Interessant sind die Erinnerungen von Eve-Maria Ludwig, die 1943, also mitten im Krieg, in Heilsberg das Abitur machte. Sie schreibt: „Im vorauseilenden Eifer glaubte der Gauleiter Koch, diese Sitte verbieten zu müssen, genau wie das Tragen der Schülermützen als ,Attribut des Standesdünkels‘ jedoch in bezug auf die Alberten und den Stürmer wurde er von Berlin zurückgepfiffen. Unser verehrter Oberstudiendirektor Dr. Wischnewski, der nach Eroberung der Stadt in den letzten Januartagen 1945 von den Russen verschleppt wurde und seitdem vermißt wird, hatte silberne Teelöffel aus seinem eigenen Bestand verkauft - man mußte für den Erwerb von Alberten in den letzten Kriegsjahren Gold oder Silber ab-liefern -, um seinen Abiturientinnen wenigstens einen Albertus an- stecken zu können.“

Einige Leserinnen erinnern sich daran, wie sie oder ihre älteren Schwestern den hohen Stürmer oder das flache Cerevis für Bruder oder Freund bestickten - eine mühevolle Arbeit, die auch ich noch vor Augen habe. Meine Schwester bestickte heimlich den Stürmer meines Bruders, und ich - damals noch ein siebenjähriges „Gnaschel“ - durfte wenigstens die Chenillefäden in kleine Stücke schneiden. Sie sahen aus wie winzige goldene Würmchen, wurden wie Perlen auf eine Nadel gezogen und akribisch auf dem roten Samt zu einem Muster gestickt. Um das Monogramm HG rankten sich Eichenblätter - ich weiß nicht, wie viele Stunden meine Schwester daran gesessen hat, aber es waren schon eine Menge! Das Ergebnis konnte sich dann auch sehen lassen! Genau wie die Anzahl der Alberten auf dem Revers, denn Verwandtschaft und Freunde ließen sich nicht lumpen - Ehrensache!

Ach ja, die Alberten. Wie ich schon in meinem kleinen Beitrag in Folge 7 angedeutet hatte, ist dieses Thema schon eine längere Erläuterung wert. Diese Anstecknadeln in Gold oder Silber mit dem Brustbild des Herzogs Albrecht von Preußen, des Stifters der 1544 gegründeten Königsberger Universität, waren dem Standbild nachgeahmt, das neben dem Eingang zur Alten Universität auf der Dominsel mit Brustharnisch und geschultertem Schwert in die Mauer eingefügt war. Dieses Brustbild zierte auch das Siegel der Albertina.

Ursprünglich war der Albertus das Erkennungszeichen aller Königsberger Studenten gewesen. Sie trugen ihn an Mütze, Hut oder Revers und machten sich damit als Bürger der alma mater Albertina kenntlich: „Civis Academiae Alberti“, wie die Inschrift auf dem Albertus besagt. Als erster Träger wird der Theologiestudent Sawatzki genannt, der 1801 das Bild des Herzogs am Hut getragen haben soll. Auf seine Anregung und die seines Kommilitonen Lubecius wurde das Abbild in dieser Form Ostern 1817 allgemein eingeführt. Seit dem historischen Wartburgfest galt der Albertus als Erkennungszeichen aller Studenten und wurde sogar von der Polizei als Legitimation anerkannt.

Der Schriftsteller Dr. Hans Lippold hat darüber allerlei Wissenswertes und auch Amüsantes zusammengetragen. In „Albertinas Comment“ fand er folgende Bestimmung: „Als allgemeine Studentenrechte gelten folgende: Das Recht, das Albertusbild als Abzeichen zu tragen. Die Immaturen dürfen es für das erste halbe Jahr nicht tragen. Füchse und Brenner müssen jeden mit dem Albertusbild versehenen Studiosus überall, wo sie ihm begegnen, zuerst grüßen.“ Auch verschaffte der Albertus dem Studenten beim Theaterbesuch einen gewissen Vorteil. So bezahlte er in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts nur einen halben Gulden Eintritt, was von einem Verbindungsstudenten streng überwacht wurde - eine sehr gerne ausgeübte Tätigkeit, denn der Kontrolleur bekam freien Eintritt! Aber das allgemeine Tragen verlor sich bis zur Jahrhundertwende doch immer mehr. Es hatte manches heftige Für und Wider gegeben, einige Korporationen verzichteten auf das Tragen, am längsten hielten noch die Burschenschaften Teutonia und Gothia an dem Brauch fest. Den hatten inzwischen die Abiturienten in ganz Ostpreußen aufgegriffen, obgleich er keinerlei Privilegien brachte, aber Anerkennung für Fleiß und „Büffelei“, ein ehrliches Mitfreuen und Stolz auf die Rotbemützten und Albertengeschmückten im Familien- und Freundeskreis.

Fremde waren erstaunt, wenn sie um Ostern - früher auch zu Michaelis - die jungen Frauen und Männer in ihrem Schmuck sahen, und jeder Ostpreuße erklärte stolz diesen Brauch. Es gibt da schon nette Anekdoten wie die von einem bekannten Theologieprofessor, der als junger Mann am Friedrichskolleg in Königsberg sein Abitur gemacht hatte und kurz darauf zu einer Hochzeit in eine kleine mitteldeutsche Stadt reiste. Er hatte sich an seinen Frack einen Albertus gesteckt, der einem alten Geistlichen auffiel. Auf seine Frage erklärte der junge Student, daß das ein Albertus sei, das Zeichen der Königsberger Abiturienten. Darauf meinte der alte Herr: „So, so, der heilige Adalbert, ja, den habt Ihr ja da oben totgeschlagen ...“ Er hatte den Herzog Albrecht mit dem Bischof Adalbert von Prag verwechselt, der im Jahre 997 bei Tenkitten den Märtyrertod starb.

Viele Ostpreussen verschenken heute noch Alberten zum Abitur

Auch nach dem Krieg, als viele ostpreußische Familien diese Tradition aufrechterhielten, wenn Töchter oder Söhne an ihrem neuen Wohnort die Reifeprüfung bestanden, erregten die Alberten Aufsehen - bis heute! Wie die alteingesessene Königsberger Juwelier-Firma Walter Bistrick, die noch immer die Alberten herstellt, erklärt: „Wie einst in der Heimat, so tragen auch heute unsere Abiturienten mit Stolz ihren Albertus als Symbol des Weiterlebens der Albertina!“

Vielleicht hat durch das alte Gruppenfoto - das die Schwester von Frau Pöhlmann im Nachlaß ihres Vaters entdeckte und das den Töchtern bis dahin nicht bekannt war - unser alter stolzer Brauch einen neuen Auftrieb bekommen. Den vielen Zuschriften nach, die Frau Pöhlmann und unsere Redaktion erhalten haben, muß man das annehmen. Jedenfalls sagte mir spontan ein alter Königsberger Freund: „Mein Großneffe macht bald sein Abitur. Natürlich bekommt er jetzt einen Albertus von mir ...“ Und einen bekamen wir sogar zugesandt: von Herta Mattisat aus Haar, die mit Dia-Vorträgen unsere Heimat lebendig erhält. Dafür herzlichen Dank, liebe Frau Mattisat!

Auch allen Einsendern und Anrufern, die zu diesem Thema Stellung genommen habe, sagen wir ein herzliches Dankeschön. Es zeigt doch, wie fest verwurzelt wir in unserer Heimat sind und wie wir manchen Brauch lebendig erhalten können. Auch wenn wir räumlich von ihr getrennt sind.

Quelle:
Preußische Allgemeine Zeitung / Das Ostpreußenblatt Ausgabe 11/03, 15.03.2003

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weitere Informationen unter:
Die Albertusnadel – mehr als eine Erinnerung
Wie aus einem Ausweis für Studenten das auch heute noch gern verschenkte Präsent für Abiturienten wurde
www.odfinfo.de/landeskunde/kultur/Die-Albertennadel.htm

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Stand: 23. September 2017