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Chronik Gutten
 

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Johannisburg in Ostpreußen

 
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„frey erblich und ewiglich zu besitzen”
Eine Chronik des masurischen Dorfs Gutten J bei Johannisburg
Vor fünfhundert Jahren gegründet

Einer Sisyphusarbeit haben sich die Eheleute +Waltraut und +Hans-Heinrich Timmann unterzogen, als sie sich daranmachten, eine Chronik über ihr Heimatdorf zusammenzustellen. Es ist nach unendlich vielen Briefen, Ferngesprächen, Reisen zu Archiven, dann Studium ungezählter Originalurkunden und Akten, ein Werk entstanden, das beispielhaft ist. +Waltraut Timmann, die lange überlegte, ob sie ein Vorwort für das fertige Produktschreiben solle, hat es dann doch getan, um dem Leser zu erklären, wie sie dazu gekommen ist, diese Chronik zusammenzustellen und im Selbstverlag gemeinsam mit ihrem Mann herauszugeben.

Im Januar 1945 mußten wir aus unserem Heimatdorf Gutten J vor den russischen Truppen flüchten. Nach vierzig Jahren wollte ich mein Zuhause, meine Heimatwiedersehen.

Nach gründlichen Reisevorbereitungen fuhren wir am 22. Mai 1985 mit dem eigenen Pkw in das Land meiner Kindheit. Wir, das sind mein Mann Hans-Heinrich, mein Sohn Ulf, meine Schwester Hildegard und ich. Was würde uns dort erwarten?

17 Jahre durfte ich dort auf dem Hof meiner Eltern aufwachsen, einem Abbau, der einsam am Wald lag. Daneben ein Teich, in dem Kalmus wuchs und von wo an lauen Sommertagen Froschkonzerte erklangen, auf dem mein Großvater und mein Vater in früheren Jahren noch mit dem Boot Fische fangen konnten. Oft saßen wir Geschwister abends auf der Veranda und sangen Volkslieder und gern hörten uns die Nachbarn zu. Ein anderer Teich, drei bis vier Meter tief und mitten im Wald, versorgte uns immer noch mit Fischen. Im Sommer, wenn an den Waldrändern der Thymian blühte, duftete es herrlich. Und erst die Lindenbäume.

Der Rasen vor unserem Haus diente uns Kindern als Spielplatz und erlebte in der Generation vor uns viele frohe Feste. Wenn meine jüngere Schwester Margarethe und ich am Sonntagvormittag im gestreckten Galopp durch die Feldmark ritten, waren wir glücklich.

Aber auch der Winter hatte seine Reize. Gab es doch viel Schnee, und das war immer eine Freude. Aber niemals versäumten wir wegen der Kälte und des Schnees die Schule. Da wir auf dem Abbau wohnten, wurden wir mit dem Schlitten zur Schule gebracht und auch wieder abgeholt. Mittags, wenn unser Lehrer, Herr Bosk, den Schlitten von weitem kommen sah, sagte er nur: „Für heute ist die Schule aus, Skorziks Kinder werden abgeholt." Die Kinder, die den gleichen Weg hatten, hingen dann wie Trauben an unserem Schlitten.

Jede freie Minute nahmen wir unsere Schlittschuhe und liefen aufs Eis. Oft mußten abends die Ohren solange mit kaltem Wasser gerieben werden, bis sie wieder warm wurden. Ein Erlebnis war es aber immer, wenn wir, warm in Pelzdecken eingepackt, mit Pferdeschlitten und Schellengeläut ausfuhren.

All diese Bilder hatte ich vor Augen, als wir losfuhren. Aber was würde uns dort erwarten? Was würden wir vorfinden?

Als der polnische Förster, bei dem wir uns zuerst gemeldet hatten, erfuhr, wer wir waren, war er sehr hilfsbereit und führte uns zu unserem Grundstück. Ich hatte das Gefühl, daß er auch wissen wollte, wer früher auf dem Abbau gewohnt hatte.

Frei konnten wir alle Wälder und Felder durchlaufen. Die Wiesen waren noch so, wie ich sie in Erinnerung hatte. Viele Wege gab es aber nicht mehr. Das Wohnhaus ist abgebrannt, die Stallungen und die Scheune sollen abgetragen worden sein. Aber die Fundamente waren noch zu erkennen. Da mein Sohn Ulf als Diplom-Ingenieur im Vermessungswesen tätig ist, konnten wir den ganzen Hofkomplex ausmessen. Sogar die Breite der Scheunentore konnten wir noch feststellen. Auch Keller und Brunnenloch haben wir noch gefunden. Alles war mit jungen Kiefern und Fichten zugepflanzt.

Aber der Flieder blühte und die alten Obstbäume standen noch, alt und gebeugt als wollten sie sagen: „Da seid Ihr ja endlich. Ihr ward aber lange fort." Jetzt konnte ich meinem Sohn zeigen und ihn überall hinführen, wovon sein Großvater ihm so viel erzählt hatte.

Als er dann im Wald seines Großvaters noch ein Hirschgeweih fand, war seine Freude groß.

Er hatte eine Erinnerung aus der Heimat seiner Ahnen. Auch ein Gewitter mit Blitz und Donner schreckte uns nicht im Wald. Meine Schwester und ich fühlten uns wieder wie zu Hause.

Den Weg zum Dorf, unseren alten Schulweg, gingen wir zu Fuß. Genauso, wie wir ihn in Erinnerung hatten. Wir suchten erst den Friedhof auf. Es war kaum durchzukommen. Überall wuchsen Büsche und Bäume. Endlich fanden wir die Gräber meiner Großeltern und meines Bruders. Einen Gedenkstein mußten wir erst suchen, aber wir fanden ihn und konnten ihn wieder aufstellen. Die Umrandungen waren dick mit Moos bewachsen, aber zwischen all dieser Unordnung wuchsen Tausende von Maiglöckchen, als wollten sie uns zeigen, daß sie sich nicht unterkriegen lassen.

Wir brachten die Gräber wieder in Ordnung und bepflanzten sie zusätzlich mit Maiglöckchen. Mit den neben unseren Gräbern liegenden Grabstätten der Familie Kraffzik, die auch von der Familie gepflegt werden, ist ein kleiner Teil des Friedhofs wieder in Ordnung. Aber wie lange noch? Die Gräber meiner Urgroßeltern, Martin und Esther Skorzik, fanden wir nicht mehr.

Das Dorf selbst ist kaum wieder zuerkennen. Der Anger, Millwiß genannt, sieht ganz anders aus. Viele Häuser sind nicht mehr. In jedem Haus sind einige Fenster oder sogar die Vordertür zugemauert. Der Rest ist schlecht erhalten. Anscheinend fehlt es überall an Zement und Farbe, um die Gebäude instand zu setzen. Vordergärten mit Blumen gibt es kaum. Die Schule ist ein häßlicher Zweckbau. Aber ein Kulturzentrum mit Feuerwehrgerätehaus ist im Bau. Es sieht alles so trostlos aus. Wir waren sehr traurig.

Wieder nach Kollmar in Schleswig-Holstein zurückgekehrt, verließ mich nicht der Gedanke, daß dieses, unser schönes Gutten J, in Vergessenheit gerät, wenn nicht alles aufgeschrieben wird. Alles, so wie es früher war und wie es meine Eltern und Großeltern noch erzählt haben.

An diesem Tag entschloß ich mich, eine Chronik zu schreiben und dabei alles zu erfassen, was ich erreichen konnte. Wollten wir, denn von jetzt ab unterstützte mich mein Mann Hans-Heinrich in großartiger Weise, diese Arbeit liefern, so wurde es höchste Zeit, da ein guter Teil dieser Schilderungen sich auf mündliche Berichte stützt und diese Quellen naturgemäß in nicht allzu langer Zeit versiegen werden.

Begonnen haben wir erstmals mit dem Suchen nach den Adressen der früheren Einwohner Guttens. Nach einem halben Jahr trafen sich dann 62 Personen bei uns in Kollmar. Der größte Teil der Gutter sah sich nach vierzig Jahren wieder. Es war wie ein Familienfest. Dien' Treffen bestärkte uns noch zum Schreiben dieser Chronik.

Ob uns unsere Bemühungen gelungen sind, möge der Leser selbst beurteilen. Wir können nicht behaupten, daß diese Chronik alles erfaßt hat, was in der Vergangenheit geschehen ist. Manches ist vielleicht verborgen geblieben oder wir kamen nicht an die Quellen heran.

Uns bleibt eigentlich jetzt nur noch ein Dankeschön zu sagen, allen, die uns mit Rat und Tat geholfen haben. Insbesondere aber danken wir den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Geheimen Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz in Berlin, des Bundesarchivs in Koblenz und der Genealogischen Gesellschaft Uta Pfahl, Hamburg, sowie Herrn Bruno Janczik, Lübeck. Sie alle haben uns neben vielen anderen in hervorragender Weise unterstützt."

Der Chronik ist das erste Kapitel auszugsweise entnommen, in dem „Gutten vor der Gründung bis 1600" geschildert wird.

An Nicolay Guttenn vergeben

Bevor wir uns mit der Geschichte des Dorfes Gutten J näher befassen, lassen Sie uns, liebe Leser, einmal kurz die geschichtlichen Tatsachen in Erinnerung rufen, die wir vielleicht mehr oder weniger in der Schule gelernt haben und die vielfach in Vergessenheit geraten sind. Gutten J, das heißt Gutten bei Johannisburg, ist eine Gründung des Ordens der Brüder des Hospitals Sanct Marien, des Deutschen Hauses zu Jerusalem. Dieser Orden, im weiteren Geschichtsverlauf als Deutscher Orden bekannt, wurde 1190 von Lübecker und Bremer Kaufleuten gegründet und erhielt mit einer Bulle des Papstes Innocenz III am 19. Februar 1199 seine Bestätigung, aber auch gleichzeitig seine Verpflichtung zur Bekämpfung des Heidentums.

Mit der Christianisierung besiedelte der Orden gleichzeitig das eroberte Land, und somit zogen deutsche Siedler in dieses menschenarme Land. Burgen und feste Häuser entstanden und um diese wieder die Städte. Vor allem sollten aber die Burgen das Land vor räuberischen Überfällen der Nachbarvölker schützen. Langsam entstanden um die Städte die einzelnen Dörfer. Schwere Pestseuchen verursachten manche Rückschläge und machten alle Bemühungen zunichte. 1656 verschleppten die Tartaren fast 25 Prozent der Bevölkerung im Raum Johannisburg und 1709/1710 raffte die Große Pest ein Drittel der Bevölkerung hin.

Den Bemühungen der beiden großen Preußenkönige Friedrich-Wilhelm I. und Friedrich II. ist es zu verdanken, daß in diesem entvölkerten Land wieder neues Leben entstand. An Hand der Einwohnerlisten unseres Dorfs Gutten mag der Leser erkennen, wie gravierend die Veränderungen in der Einwohnerstruktur durch diese Katastrophenjahre waren.

Keine steuerlichen Freijahre für die Neusiedler bewilligt

Wie bereits erwähnt, ging von Johannisburg die Besiedlung der Umgebung aus. Das ganze Land gehörte zur Komturei Balga, dem damaligen Verwaltungsbezirk. Nach und nach entstanden die Dörfer Kumilsko, 1428 als Zinsdorf (seit 1938 Morgen genannt); Pietrzycken 1435 als Freigemeinde (seit 1904 Wiesenheim); Kesseldorf 1445 als Zinsdorf (später Groß Kessel); Rakowen 1453 als Gutssiedlung (seit 1938 Raken); Ribittwen 1465 als Freigemeinde (seit 1938 Ribitten) und Lupken 1483 als Gutssiedlung.

Zwischen diesen Dörfern wurden 1495 21 Huben an Nicolay Guttenn vergeben. Es ist aber anzunehmen, daß bereits vorher eine Besiedlung dort gewesen war. Dies wird bestätigt in der Schrift „Der Verlauf der Besiedlung des ostpreußischen Amtes Johannisburg bis 1818" von Roland Seeberg-Elverfeldt, wo es einmal heißt: „Gründung von Gutten und Gründung von Adlig Borken, beides 1495." Einige Seiten weiter aber: „Neue Handfesten wegen verlassener oder wüsten Huben 1565 Adlig Borken, das auf Gutter Grund entstanden."

Auch eine zweite Gutter Handfeste für Simon Moelknecht von 1495, dies ist die Handfeste von Simken, sagt ja aus, daß die ehemaligen Bewohner mit Getreide beliefert werden mußten. Bestätigt wird diese Annahme einer früheren Besiedlung auch damit, daß keine steuerlichen Freijahrefür die Neuansiedler bewilligt wurden, wie es bei Urbarmachung der Ansiedlung sonst üblich war. Es muß sich daher schon um urbares Land gehandelt haben. Vielleicht waren die Einwohner ausgestorben oder hatten keine männlichen Erben und das Land war somit an den Orden zurückgefallen. Es war leider nicht möglich, dies zu ermitteln. Noch ein Wort zu der Größe einer Hube. Eine Hube, später auch Hufe genannt, hatte eine Größe von 17 ha, 34 ar. Es war das Cöllmische Maß. Später wurde aber in Magdeburger Maß gerechnet. Die Gutter Handfeste vom 12. April 1495 ist dokumentiert im Ostpreußenfoliant 125, f. 352."

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Gutten J. Geschichte eines Dorfes in Masuren. 450 Jahre von der Gründung bis zum Exodus. Herausgegeben von Waltraut Timmann, verw. Wöbcke, geborene Skorzik, und Hans-Heinrich Timmann. Selbstverlag: Hans-Heinrich Timmann, 400 Seiten, 43 Fotos, 10 Zeichnungen, 8 Kartenskizzen, 265 Faksimiles, Ganzleinen, 20,- €. Bezugshinweis

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+Waltraud und +Hans-Heinrich Timmann
wurden als Geschichtsforscher geehrt

Sechs Jahre lang stöberte das Ehepaar in Archiven, nahm Kontakt mit Kennern der preußischen Geschichte auf und befragte ehemalige Einwohner des 200-Seelen-Dorfes Gutten J. Was dabei herauskam, lesen Sie oben.

Die umfangreiche Arbeit-Muster und Leitfaden für andere Dörfer wurde auf besondere Weise gewürdigt. Am 23.08.1993 wurde dem Ehepaar Timmann das silberne Ehrenzeichen der Landsmannschaft Ostpreußen verliehen. Den Hobby-Forschern sagen wir herzlichen Glückwunsch und gleichzeitig Dank für die "Chronik gegen das Vergessen".
 

Quelle:
Johannisburger Heimatbrief 1994, Seite 97-101

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weitere Informationen unter:
www.Gutten.de.vu

 
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Stand: 01. Januar 2018