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Die Stadtwerdung
 

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Ortsansichten: Arys
Die Stadtwerdung von Arys
Von Bernhart Jähnig

Die masurische Kleinstadt Arys (1) am Aryssee, östlich des Spirdingsees auf einem kleinen Landrücken gelegen, gehört zu einer jungen Schicht ostpreußischer Stadtgründungen, denn Stadt im rechtlichen Sinne wurde Arys erst durch einen Verwaltungsakt König Friedrich Wilhelms I. im Jahre 1725, auf den unten einzugehen ist. Es gibt jedoch eine über mehrere Jahrhunderte gehende Vorgeschichte für diese Stadtwerdung. Am Aryssee sind bereits aus prähistorischer Zeit Siedlungsspuren nachgewiesen worden. Auf diese können wir hier nicht näher eingehen, sondern setzen mit unserer Betrachtung erst in der Deutschordenszeit ein.

Im 14./15. Jahrhundert gehörte das in der Großen Wildnis gelegene Gebiet um den größten Teil des Spirdingsees und um den Aryssee zum Pflegeamt Rhein, das wiederum ein Unteramt der Komturei Balga war. In den Jahren 1393/1397 und 1418/1422 hatte der Deutsche Orden zunächst vergeblich versucht, hier im östlichen Teil der Landschaft, die später Masuren genannt wurde, mit der Gründung einer Komturei Rhein für das geplante Neusiedlungsgebiet einen selbständigen Verwaltungsmittelpunkt auf Dauer zu schaffen (2). Nach 1410 standen dem Orden weit geringere Mittel für eine Fortsetzung des Landesausbaus als im 14. Jahrhundert zur Verfügung. Daher wurden in unserem Raum zunächst nur neue Dienstgüter ausgegeben; die Neugründung von Kleinstädten als den wirtschaftlichen Mittelpunkten engerer Neusiedelgebiete unterblieb gänzlich. Die früheste Anlage eines Zinshufendorfes erfolgte erst, als Hochmeister Konrad von Erlichshausen mit einer Urkunde vom 3. März 1443 dem Lorenz Polenn (Polin) ein neues Dorf, "das wir das Neudorff nennen", das spätere Arys, nach Kulmer Recht ausgab. Es umfaßte 44 Hufen, von denen vier dem Schulzen als Freihufen gehören sollten. Die Besitzer der anderen vierzig Hufen, deren Zahl nicht genannt wird, sollten je Hufe eine halbe Mark Zins zahlen und wie bei anderen kölmischen Dörfern Scharwerk leisten und das Pflugkorn, eine übliche Getreideabgabe, zahlen. Für Zins und Pflugkorn wurden zehn, für das Scharwerk sechs Freijahre gewährt. Außerdem erhielt der Schulze Lorenz erblich und frei von bäuerlichen Lasten gegen den üblichen landesherrlichen Anerkennungszins und das Pflugkorn ein Dienstgut mit zwei Hufen nach magdeburgischem Recht. Der Schulze und seine Erben sollten alle Rechte an dieser Urkunde verlieren, wenn sie ihr Anwesen verlassen würden (3).

Es ist bemerkenswert, daß in der Handfeste von 1443 der Ortsname Arys nicht verwendet wird. Doch ist dieser kaum jünger, denn er taucht nicht erst 1507 auf, wie die ortsgeschichtliche Literatur bisher angenommen hatte, sondern bereits im 15. Jahrhundert. Bei einer Durchsicht der Handfesten des Gebietes Rhein fand sich der Name Arys für das Dorf erstmalig in einer Urkunde des Hochmeisters Heinrich Reuß von Plauen aus dem Jahre 1468, als Arys als eines von zwei Nachbardörfern von Wolfsdorf (Piantken) genannt wird (4). Doch schon in der Handfeste für Gregersdorf aus dem Jahre 1437, also noch aus der Zeit vor der Gründung des Dorfes, ist vom "Arischen wege" die Rede. Es muß dabei offenbleiben, ob diese Bezeichnung auf einen Feld- oder Flurnamen für die Gegend, in der einige Jahre später das "Neudorf" gegründet wurde, oder auf den Fluß oder den See Arys zurückzuführen ist. Älteste schriftliche Belege fanden sich für den "Ariß sehe" in der Handfeste für Strzeleken (Schützenau) von 1478 sowie für das "Arische vlyß" in der Handfeste für den Garnmeister zu Eckersberg von 1492 (5). Es ist jedoch anzunehmen, daß die Gewässernamen schon deutlich vor den genannten Jahren gebraucht wurden.

Das Gebiet Rhein erhielt erst nach dem Zweiten Thorner Frieden (1466), als der Deutsche Orden nur die geringere Hälfte seines Herrschaftsgebietes behaupten konnte, den Rang einer selbständigen Komturei (1477). Das Amt dieses Komturs wurde 1499 mit dem Großgebietigeramt des Obersten Trappiers verbunden, nachdem die Komturei Balga zur Kammer des Hochmeisters gezogen worden war (6). In der ausgehenden Ordenszeit entwickelte sich Arys zu einem kleinen Zentrum im Osten der Komturei Rhein, einem Kammeramt. So werden in der umfangreichen Liste, die der Orden im Jahre 1519 anläßlich einer Musterung (Heerschau) anlegen ließ, für das Gebiet Arys die Wagen und Pferde der Freien und Bauern gesondert verzeichnet (7). In Arys befand sich ein Vorwerk, das war ein landwirtschaflicher Eigenbetrieb des Ordens. Daneben standen eine Korn- und eine Schneidemühle. Als im Jahre 1516 der Komtur Rudolf von Tippelskirch (Diepoldskirchen) nach einer 26jährigen Amtszeit ausschied, werden im Inventar außer einem Pferd nur Haushaltsgeräte verzeichnet. Bemerkenswert sind die für die Fischerei aufgeführten vier Schiffe und zwei Kähne. Im Inventar des Jahres 1524 werden nur noch drei Schiffe und ein Kahn genannt. Zusätzlich wird 1524 das wichtigste Inventar der Schneidemühle verzeichnet, von dessen beiden Mühlrädern eines zerbrochen war (8). Das Dorf umfaßte in dieser Zeit nach wie vor 40 Zinshufen. Deren Besitzer werden in den Amtsrechnungen, die aus dem zweiten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts erhalten sind, nicht angeführt. Lediglich 1513/1514 wurde Thomcke Bogatz mit seiner Zahlung von 2 Mark eingetragen (9), aber später gestrichen, weil der Rechnungsführer hier wie bei den folgenden Jahresrechnungen für Arys auf eine Einzelnennung der zinspflichtigen Bauern verzichtete. Von jeder Zinshufe waren 1 Mark sowie je 1 Viertelscheffel Roggen (Korn) und Weizen zu leisten, wie es 1517/1518 ausdrücklich heißt (10). Ob die Steigerung gegenüber der halben Mark von 1443 darauf zurückzuführen ist, daß im frühen 16. Jahrhundert nur "geringe mark" mit halbem Wert veranschlagt wurden oder ob es einen anderen Grund gab, kann hier nicht untersucht werden. Eine sozial bedeutende Gruppe in jedem Dorf waren die Krüger. Das galt vor allem für Dörfer mit Mittelpunktsfunktionen, die sich zu Lischken oder gar Kleinstädten fortentwickelten. Für Arys werden 1517/1518 die drei Krüger Merten, Stamcke und Thomcke genannt, die jährlich je 2 Mark zinsten (11). Eine sozial schwächere Gruppe waren die Gärtner. Außer dem Garnmeister, der 2 Mark und 4 Hühner abzugeben hatte, zinsten diese in Arys nur 8 Scot und 2 Hühner. 1513/1514 werden Bernhardt, Mathis Bottigher, Cruschel, Mathis Schumacher, der alte (ergänzt zu Jan) Smidt, Jakob Strugal und Woiteck genannt, 1514/1515 wird Woiteck durch Karpitke ersetzt (12). Diese werden ihren Lebensunterhalt zum größeren Teil durch ihre Mitarbeit auf dem Ordensvorwerk bestritten haben.

Die schon genannte Musterung des Jahres 1519 überliefert uns die Namen der wehrfähigen Bauern von Arys. Im Zusammenhang mit den fünf Wagen und zehn Pferden, die das Dorf Arys zu stellen hatte, werden außer dem Schulzen neun Personen aufgeführt, nämlich Jan Drencke, Jakob Duche, Ihendreß Glaßoge, Michel Kycke, Michel Moynßke, Plythcze, Pothtrawem, Szengel und Woszenicze (13). Bei der auf den Sonntag Jubilate datierten Musterung der Freien sowie Bauern, Schulzen und Krüger des Gebietes Rhein, wobei das Gebiet Arys nicht gesondert ausgewiesen wird, heißt es, daß das Dorf Arys mit 40 Hufen ungefähr 20 Mann, gemeint sind Bauern, acht Gärtner, vier Krüger und einen Schulzen habe. An anderer Stelle werden 24 Bauern namentlich aufgeführt, nämlich Allex, Thomki Bogatz, Jacob Fladt, Andriß Glasoug, Pauel Gurgel, Josep, Stenick Konytz, Michel Kycki, Lorentz, Mertin Losch, Marx, Michel Myoske, Mathis Nouack, Paul, Plicz, Potrafini, Jhan Rettang, Mertin Scheyd, Mertin Schgafromcki, Jhan Schgoneczki, Jacob Schgrymke, Jhan Schgrymki, Jacob Szgeduck und Steppan Szengel. Etliche von diesen haben ein Gewehr, alle ein Pferd (14). Obwohl die Rechtschreibung deutliche Unterschiede zeigt, sind die Namen der Neunerliste zumeist in der Liste mit den 24 Namen wiederzuerkennen.

Eine für ostmasurische Verhältnisse günstige Überlieferung ermöglicht es, im Abstand von weniger als einer Generation die Bevölkerung des Dorfes vorzustellen. Mit der Umwandlung der Ordensherrschaft in ein Herzogtum im Jahre 1525 war die Komturei Rhein in eine Reihe von Hauptämtern zerlegt worden. Die Mitte der ehemaligen Komturei mit Rhein und Arys bildete nunmehr das Hauptamt Rhein. Vom Rechnungsjahr 1539/1540 ist sowohl eine Amtsrechnung als auch das Türkensteuerregister erhalten. In der Amtsrechnung wird die Größe des Dorfes unverändert mit 44 Hufen angegeben, doch sind nunmehr außer den vier Schulzenhufen erstmalig vier Pfarrhufen als Freihufen genannt, so daß es nur noch 36 Zinshufen gab, die jährlich mit einer Mark verzinst wurden (15). Hier wie im Türkensteuerregister (16) werden die Zinsbauern namentlich verzeichnet. Trotz der Gleichzeitigkeit beider Quellen sind beide Listen nicht vollständig gleichlautend. Es folgen zunächst in alphabetischer Reihenfolge die übereinstimmenden Zinsbauern, wobei Abweichungen des Türkensteuerregisters in Klammern stehen: Bogatz (Bogatz), Climeck, der Garnmeister, Grzemki (Krzemk), Gurlo (Gurglo), Jann Masuch, Mischlenta, Mischtall, Miunski (Myunsko), ein Müller, Tzimai Lorentz (Czimay), Zawuel, Zduck Jacob, Zischka (Zysska), Zkonetzka (Zkonetzk), Zlodeck, Zomeck und Zrenka Jan (Zremcka). In der Amtsrechnung folgen weiterhin Bednarz Jan, ein Pretschneider, der in der Schneidemühle tätig war, Schwietz und Tomack Kolo. Stattdessen stehen im Türkensteuerregister Kelady, Rheman, ein Schuster, Thomasß, Jann Veit und Zkowroneck. Einige der Namen von 1519 lassen sich trotz abweichender Schreibweise hier wiedererkennen. Beide Quellen von 1539/1540 nennen dieselben fünf Krüger, außer dem Garnmeister nämlich Bogotz, Mischlenta, Zkowronek und Zolleck (17). In der Amtsrechnung heißt es schließlich, daß es sieben Gärtner im Ort gäbe, die je 20 Schillinge zinsten. Früher hätte es neun Gärtner gegeben, doch seien zwei vom Amtshauptmann zum Krugzins zugelassen worden (18). Dem entspricht, daß die Zahl der Krüger 1517/1518 nur drei betragen hatte. Das Türkensteuerregister nennt eine größere Zahl von Namen, nämlich Andris, Butticher, Culick, Jacubel, Martzin, Matzk, Rathey, Ratzko, Rowell, Schmid, Sigmundt, Tzimai, Wasanka, Zaleck und Zkomroden, ferner einen ledigen Schneidergesellen und fünf weitere "einwhonendt" Personen (19). Die Gärtnerzahl ist hier möglicherweise größer, weil bei der Türkensteuer auch besonders Vermögensschwache berücksichtigt wurden, die wie Rathey nur eine Ziege und ein Schaf besaßen. Drei Einwohner von Arys wurden außerdem mit dem Heidezins belastet, nämlich Tzimai, Voit und Wasanka (20).

Gehen wir in das letzte Jahrzehnt von Herzog Albrecht, der nach einer sehr langen Regierungszeit 1568 gestorben ist, ermöglichen uns die erhaltenen Amtsrechnungen der Rechnungsjahre 1563/1564 und 1567/1568, den wesentlichen Teil der Bevölkerung von Arys im Abstand von etwas weniger als einer weiteren Generation kennenzulernen. Arys hatte nach Abzug der je vier Freihufen für den Schulzen und den Pfarrer 36 Zinshufen, die sich 21 Bauern teilten. Es sind dies in alphabetischer Reihenfolge die folgenden (21), wobei die jüngere Namensform in Klammern hinzugefügt wird: Jan Bednarsch, Bogaczsch (Bogacz), Clymeck (Clymeck), der Garnmeister, Grschennick, Gurlo (Gurlo), Jacob Kalaw (Balau), Leonhartt (Lenhardt), Masuch, Mischlenta, Mischtall, Mynuschke (Mynuschke), Schwiecz, Sduck, Skoniecz (Czkoniecz), ein weiterer Bauer mit gleichem Namen, Symonn, Zauall, Zkott (Skott) und Zschyschka (Zschyschka). Außerdem wird 1563/1564 Jacob Krawiecz angeführt, während 1567/1568 an anderer Stelle der Liste mit einem höheren Zinsbetrag Settschinnick erscheint. Es spricht für die inzwischen gewonnene Erfahrung der Verwaltung des Hauptamtes, daß die Rechtschreibvarianten im Abstand von vier Jahren sehr gering sind. Wenn für einen Bauern zwei Namen angegeben sind, steht hier stets der Rufname voran, während es 1539/1540 meistens umgekehrt war. Bemerkenswert ist auch, daß unter den 21 Bauern von 1563/1564 16 schon 1539/1540 aufgeführt sind, wenn wir Grzemki und Grschennick sowie Kolo und Kalaw gleichsetzen. Nach den Zinsbeträgen zu urteilen, waren die Bauernstellen unterschiedlich groß. In Einzelfällen waren sie mit einem Krug verbunden. So heißt es 1567/1568, daß die Krügerin Pischna Pangi (22) sowohl für ihre 1 1/2 Zinshufen als auch für ihren Krug von Zins und Scharwerk befreit worden sei. Daher wird zwar 1563/1564 für Arys die Zinssumme für neun Krüger, 1567/1568 jedoch nur die für acht Krüger berücksichtigt. 1563/1564 wird die Einnahme von sechs Gärtnern, 1567/1568 die von sieben Gärtnern verzeichnet, ohne daß der Amtsschreiber Hans Scholze (Schulze) eine Anmerkung macht. Die Namen der Krüger und Gärtner werden nicht genannt.

Die technischen Schwierigkeiten bei der Vermessung von unbesiedeltem Land, wenn es zur Neuanlage von Dörfern oder Dienstgütern ausgegeben wurde, hat schon während der Ordenszeit, aber auch noch in späteren Jahrhunderten immer wieder dazu geführt, daß bei einer genaueren Neuvermessung festgestellt wurde, daß etwa ein Dorf mehr Hufen besaß als in seiner Handfeste vorgesehen waren. Diese zusätzliche Fläche wurde als Übermaß bezeichnet und war dann zusätzlich zu versteuern, wenn sie nicht anderweitig ausgegeben wurde. Das kam im 16. Jahrhundert auch bei Arys vor. In der Amtsrechnung von 1563/1564 ist von 20 Hufen Übermaß die Rede, für die das Dorf als Gesamtheit 15 Mark zu zahlen und Scharwerk zu leisten hatte. 1567/1568 heißt es, daß das Dorf von 22 Hufen Übermaß nur vier behalten habe, während 18 vor einem Jahr "ausgebracht" worden seien (23). Bereits 1561 hatte das Dorf den Landesherrn gebeten, wegen der ungünstigen Wirtschaftsverhältnisse das festgestellte Übermaßland gegen einen höheren Zins dem Dorf zu überlassen (24). 1564/1565 wurde dann unter der Leitung des herzoglichen Rates Caspar von Nostitz und in Gegenwart des Fischmeisters von Rhein, Crispin Blumenstein, durch Landmesser Sokolofski und den Schulzen von Wiensdorf das Dorf vermessen. Es wurden dem Dorf mit landesherrlicher Genehmigung 47 1/2 Hufen zugemessen. Dazu kam ein Übermaßland von 23 Hufen 14 Morgen, von dem es heißt, daß fast die Hälfte als Bruchland wirtschaftlich nicht genutzt werden könne (25). Für das nutzbare Land meldeten sich verschiedene Interessenten. So bat der Aryser Schulze Jan 1564 um zwei oder drei Hufen und erhielt zwei Jahre später eine Verschreibung über zwei Hufen (26). Aus dem Übermaßland bekamen 1566 auch der Krüger Jacob Lehman genannt Pischni, Ehemann der schon genannten und auf dem Aryser Amtshof arbeitenden Pischna Pangi, eine Verschreibung über 3 1/2 Hufen, Woiteck Mroß Mischlenta eine über 3 Hufen 27 Morgen (27). Im Jahre 1599 wurde das Kirch- und Zinsdorf Arys von Landmesser Peter Pistorius neu vermessen und ausführlich beschrieben (28). Es wurden 58 Hufen 2 Morgen 281 1/2 Quadratruten ermittelt. Vom gesamten Übermaß wurden Wasser- und Bruchlandflächen sowie anders genutzte Flächen abgezogen, so daß ein Übermaß von 10 Hufen 9 Morgen 50 1/2 Quadratruten blieb.

Arys ist zwar 1443 gegründet worden, jedoch ohne daß Pfarrhufen zur Ausstattung eines Pfarrers vorgesehen wurden. Mit 44 Hufen war das Dorf auch nicht so groß, daß es hätte Kirchdorf werden sollen, denn die Regelzahl war 60 Hufen. Das spricht dagegen, daß mit der Gründung an eine auch nur kleine zentralörtliche Funktion gedacht war. Vielmehr waren die Einwohner des Dorfes selbst auf die Kirche eines entfernteren Kirchdorfes angewiesen. Das war Eckersberg. Zu einem unbekannten Zeitpunkt ist dann in Arys eine Filialkirche entstanden. In einem Verzeichnis der Kirchspiele der Diözese Ermland, das nach Erzpriestertümern geordnet ist und das vermutlich Anfang des 16. Jahrhunderts entstanden ist, wird Arys in dieser Stellung angeführt (29). Selbständiges Kirchspiel wurde Arys erst nach Einführung der Reformation. In der Kirchenvisitationsniederschrift von 1528/1529 wird für Arys und Eckersdorf zwar noch ein gemeinsamer Pfarrer, "Herr Georg, ein sehr gelehrter Mann", genannt, doch wird schon von zwei Parochien gesprochen, deren Einkünfte gesondert angegeben werden (30). Die Ausstattung mit vier Pfarrhufen wird am frühsten in der bereits zitierten Amtsrechnung von 1539/1540 erwähnt (31). Der erste Pfarrer, der für Arys allein zuständig war und von dem wenigstens der Rufname bekannt ist, Mathias, kommt 1544 in den staatlichen Akten vor; er ist wohl mit Mathias de Tyno personengleich, der 1558 eine Supplik an den Herzog gerichtet hatte (32). Vom Kirchengebäude ist schon 1541 anläßlich der Visitation die Rede. Es werden Baukosten verzeichnet, die auch den Glockenturm und das Inventar umfassen, einige kirchliche Kleinode werden aufgeführt (33). Die Kirche war ein einfacher verputzter Feldsteinbau aus der Mitte des 16. Jahrhunderts; der Oberbau des Kirchenschiffs, der Westturm, Altar und Emporenbrüstungen stammten aus dem 17. Jahrhundert.

Arys war mit seiner Kirche der Mittelpunkt für eine Reihe von Dörfern, in denen Freie lebten, und von solchen, in denen wie in Arys selbst Zinsbauern wohnten. Nach der Kirchenvisitationsniederschrift von 1541 erhielt die Kirche den Zehnten aus den Freiendörfern Camiensken, Mikossen, Pianken, Rzesnicken, Strzelniken, Sumbken, Wiersbinnen und Wierzeko sowie aus den Zinsdörfern Arys, Gurra (Geburge), Odoyen, Reuschendorf, Rogallen, Skomatzko und von den "Leuten" der Herren von Heydeck (34). In den 70er Jahren des 16. Jahrhunderts wurde Klaussen ein selbständiges Kirchspiel, dazu hat Arys einige seiner eingepfarrten Orte abgegeben. Die Amtsrechnung von 1631/1632 zählt daher für Arys die folgenden eingewidmeten Dörfer auf, nämlich den Hof Ublick und die Dörfer Buwellnen und Stotzken, die im Besitz der Familie von Lehwaldt sind, sowie Arys, Camiensken, Gurra, Mikossen, Odoyen, Osciwilcken, Pianken, Rzesnicken, Schweikowen, Strzelniken, Sumbken und Wiersbinnen (35). 1581, als Jakob Truchutovius Pfarrer von Arys war, war der Bau der Kirche so weit fortgeschritten, daß der Turm zwei große Glocken tragen konnte. Dazu kam ein Signierglöckchen auf dem Kirchendach. Nachdem der Pfarrhof (Widdem) mit allen Nebengebäuden 1541 neu erbaut worden war, stellte die Visitation vierzig Jahre später einen baulich sehr schlechten Zustand fest, so daß Verbesserungsmaßnahmen angeordnet wurden. Die Namen der vier "Kirchenväter", die das in die Hand zu nehmen hatten, waren Albrecht Mroß, Mattehs Wischowatty, Martin Rexnict und Andres Mickoschefsky. Bemerkenswert ist, daß die kleine Pfarrbibliothek aus vier grundlegenden Büchern bestand. Außer einem "Opus" von Ottomar Epplin, einem zeitweiligen Hofprediger von Herzog Albrecht, werden die Bibel, eine Kirchenordnung und das "Corpus Doctrinae" verzeichnet, alle drei in polnischer Sprache (36). Diese Aussage macht beinahe noch mehr als das Überwiegen der Familiennamen der masowischen Einwanderer deutlich, welche Sprache in Arys und im ganzen Süden des Herzogtums vorherrschte.

In Arys bestanden auch nach der Ordenszeit der Amtshof, die Amtsfischerei und die Mühlen. Die Überlieferung in den Quellen wie hier in der Amtsrechnung von 1539/1540 (37) ist nicht sehr inhaltsreich. Ein knappes Jahrhundert später werden in der Amtsrechnung die Mahlmühle und die Schneidemühle verzeichnet. Erstere hatte drei unterschlechtige Gänge und benutzte Wasser nach Bedarf, letztere wurde wegen Mangel an Holz und Wasser selten zum Holzschneiden eingesetzt (38). Das ist ein Hinweis auf wirtschaftlich weniger günstige Verhältnisse. Diese müßten in einem anderen sachlichen Zusammenhang untersucht werden, als es hier möglich ist. Arys war innerhalb des Hauptamtes Rhein im 16. Jahrhundert weiterhin Sitz eines Kammeramtes, später Mittelpunkt eines von vier "Kreisen" oder "Beritten". Die zugehörigen Dörfer ergeben sich aus den Verzeichnissen der Zinsdörfer, der Handwerker und Losgänger, der öden und wüsten Güter sowie der Böttelgeldeinnahmen, einer Abgabe zum Unterhalt des Scharfrichters, in der Amtsrechnung von 1672/1673 (39). Der Sitz des Domänenamtes Arys wurde später nach Skomatzko verlegt (40).

1631/1632 erfahren wir, daß sich drei Männer, nämlich Andreas Konopa, Paul Romann und Paul Marzinzigk die vier Schulzenhufen teilten, wie es bei den meisten Nachbardörfern ähnlich der Fall war (41). Arys hatte zu dieser Zeit insgesamt 58 Hufen 9 Morgen. Von diesen waren wie gewohnt die Schulzen- und Pfarrhufen scharwerks- und zinsfrei. Nur scharwerksfrei waren je zwei Hufen im Besitz des Fischmeisters Gregor von Lehwaldt, von Salomon Mischlenta und Thomas Hizke. 14 Hufen 9 Morgen bildeten das alte und das neue Übermaßland, das die Dorfschaft insgesamt verzinste. Die verbleibenden 30 Zinshufen waren in der Hand der folgenden Zinsbauern: Paul Bednarsch, Peter Biesduck, Salomon Bogazsch, Paul Buran, Szeßny Cziemey, Woyteck Czimoch, Matthes Drenck, Fridrich Hein, Michel Hein, Mazk Hieronimus, Hizke Klekohtt, Thomek Mareck, Mazk Mathiack, Jendris Piellat, Mazk Pielat, Michel Pissora, Marzin Plagga, Andres Rhode, Rumballa, Jann Sawolleck, Barthel Schefzig, Marzin Sellako, Salomon Tißman, Marzin Trunkas und Paul Wideck. An dieser Stelle werden die neun Krüger und sieben Gärtner nicht mit Namen aufgeführt. Der Zins für jede Hufe ist an Geld gerade von 7 Mark um 3 1/2 Mark erhöht worden (42). Eine Bewertung dieser Beträge könnte nur im Rahmen einer ortsübergreifenden Untersuchung erörtert werden.

Wenden wir uns der Zeit zu, in der Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst von Brandenburg, Herzog in Preußen war, gibt uns die Amtsrechnung von 1672/1673 einen Einblick in die Zeit nach den schweren Kriegsverwüstungen durch den schwedisch-polnischen Krieg der 50er Jahre. Insbesondere nach dem Frieden von Oliva 1660, mit dem er die Lehnsbindung Preußens an Polen endgültig beseitigen konnte, versuchte er in heftiger Auseinandersetzung mit dem Adel die Wohlfahrt des Landes zu heben. Das Dorf Arys, dessen Schulzen Wilhelm Braun und Jacob Hoy sich am 18. Oktober 1663 in Königsberg an der Erbhuldigung beteiligt hatten (43), wird 1672/1673 mit 81 Hufen 9 Morgen vorgestellt (44). Diese weitere Vermehrung - gegenüber dem Stand von 1631/1632 - ist darauf zurückzuführen, daß alle Verschreibungen, mit denen die Landesherren aus dem immer wieder vergrößerten Übermaßland Hufen ausgegeben hatten, offenbar ziemlich vollständig in diese Gesamtsumme eingegangen sind. Einzeln wird aufgeführt, welche Hufen zu welcher Zeit unter welchen Bedingungen verschiedene Personen erhalten hatten, wobei es darum ging festzustellen, welche Rechte und Verpflichtungen sich daraus für die Zukunft ergeben würden. Dabei begegnen wir verschiedenen Bekannten wie den Krügern, die 1565/1566 Verschreibungen von Herzog Albrecht erhalten hatten (45). Auch finden sich Hufen in der Hand von Schulzen- und Pfarrerfamilien. Auf Einzelheiten kann hier nicht eingegangen werden.

Hat sich einerseits das Dorf durch solche Verschreibungen im ganzen vergrößert, ist dennoch die Zahl der bäuerlichen Zinshufen auf 28 1/2 zurückgegangen. Folgende 21 Zinsbauern oder Zinsbauernfamilien sind im Besitz von zumeist 1 1/2 Hufen: Aotky [?], Aszman, Beidnarzig, Girowy, Gollig, Grenda, Hey, Kirschpien, Konopka, Korczeg, Lafniczky, Müller, Pulkoßnig, Pleffka, Reppa, Sawalla, Schulz, Sobumka, Merten Sostang, Stephen und Wigend. Des weiteren finden wir nichtbäuerliche Dorfbewohner mit ihren Abgaben verzeichnet, nämlich die folgenden neun Handwerker und Budnicker: Adam Artmann, Marzin Buzka, Michel Czimay, Jann Frumholz, Andres Jochim, Jacob Ranßky, Jann Schwertz, Piotr Sdun und Michel Sunder, die sieben Gärtner Adam Cereßka, Jacob Czunella, Marzin Dybeck, Jacob Mioßko, Jann Piotrczuk, Jacob Satanneck und Jann Scheyda; die acht Losgänger, also Arbeiter ohne festes Arbeitsverhältnis, Pawel Czieper, Itzko, Joreck Kotzinna, Adam Lußzeck, Michel Poßlick, Pawel Pullkoßnick, Sczepan Ruschin und Marzin Szostack sowie die Losgängerin Maria Blasskowna (46). Damit können wir eine etwas breitere soziale Fächerung der Dorfbevölkerung erkennen. Neben den grundbesitzenden Familien gab es eine beachtliche Anzahl von Grundbesitzlosen, die sich durch Lohnarbeit und vermutlich auch Kleinhandel ernährten. Dieser Quelle fehlen noch Angaben darüber, wie groß die einzelnen Haushalte waren.

Während der Regierungszeit des Großen Kurfürsten ist es nicht gelungen, alle Kriegsschäden zu beseitigen. Die Nöte der Landbevölkerung blieben in einem erheblichen Ausmaß bestehen. In der Zeit von Kurfürst Friedrich III., der sich 1701 in Königsberg als König Friedrich I. in Preußen die Krone aufs Haupt setzte, kam es dann zur Katastrophe. Arys wird 1696 unter den zahlreichen Dörfern des Hauptamtes Rhein aufgeführt, die wegen Brandschadens, Hagelschlag oder verarmter Bauern nicht in der Lage waren, die vollen Zinserträge an die Kammer abzuführen (47). Im Jahre 1700 brach der große Nordische Krieg aus, der auch das geschwächte Preußenland angesichts seiner geographischen Lage zwischen Schweden, Rußland und Polen-Sachsen nicht verschonte. 1708/1709 führten zunächst die Vernichtung der Saat und anschließend die Pest zu einer Hungerkatastrophe und zu einem Bevölkerungsverlust, der auf 40 % geschätzt worden ist (48). Auch Arys ist hiervon spürbar betroffen worden. Es sind zwar keine Verlustzahlen für die einzelnen Orte des Hauptamtes Rhein überliefert, doch lassen die folgenden Gesamtzahlen für das Amt die Tendenz erkennen (49):

  Jahr Trauungen Taufen Sterbefälle  
  1704
1707
1709
1710
1711
1712
101
99
128
183
466
123
644
672
671
329
553
686
224
310
1031
6789
119
136
 

Das schlimmste Jahr war 1710. Konkreter für die einzelnen Dörfer, so auch für Arys, läßt sich das mit Hilfe der Steuereinkommensberechnung für das Hauptamt Rhein zeigen, die nach 1715 für die Jahre 1700-1715 angestellt worden war. Schon die Amtsrechnungen des 17. Jahrhunderts haben deutlich gemacht, daß Arys seinen Charakter gegenüber dem 15. Jahrhundert verändert hatte. Das ursprüngliche Zinsbauerndorf hatte sich um Siedlungen erweitert, die vor allem Kulmer Recht erhalten haben. Die genannte Aufstellung der Amtseinkünfte für die Jahre 1700-1715 ist nach drei sozialen Gruppen gegliedert, nämlich Adel, ferner Kölmer, Freie, Schulzen und Krüger sowie schließlich Zinsbauern und Landbesitzlose. Arys hatte an den beiden letztgenannten Gruppen Anteil.

Die Gesamtzahl der Hufen nach Kulmer und verwandtem Recht betrug in Arys einschließlich der vier alten Schulzenhufen 31 Hufen 150 Quadratruten (50), von denen die ganze Zeit über 16 Hufen wüst waren, also ein wenig mehr als die Hälfte. Nur für den Rest war eine Abgabe, der Hufenschoß, zu leisten, dessen Betrag von 1703 auf 1705 in zwei Schritten verdoppelt wurde. Dennoch machten die zunächst 3 Reichstaler 30 Groschen, später 6 Reichstaler 60 Groschen nur einen kleinen Teil der Gesamtsteuerbelastung aus. Der Hauptanteil entfiel auf die Kopfakzise mit Tranksteuer, regelmäßig fiel auch der Horn- und Klauenschoß an. Nur in einzelnen Jahren waren ein Extrahufenschoß, ein halber oder ein außerordentlicher Kopfschoß, eine Kronsteuer, ein Haupt- und doppeltes Kopfgeld sowie eine Donativ- und Fräuleinsteuer zu zahlen. Die Hauptbelastung orientierte sich also an der Personenzahl und am Vieh der einzelnen Haushalte. Nicht für die Hufenzahl, wohl aber für die von der Menschen- und Tierzahl abhängigen Zahlungen wurden des Wildnisbereiters Krug zu Arys und ein Krüger zu Klaussen als Gruppe gesondert ausgewiesen, so daß es unter Arys jeweils zwei Zahlen gibt. Wenn wir von den Groschen und Pfennigbeträgen absehen, schwankte in den Jahren 1700-1709 die größere Summe jährlich zwischen 98 und 127, die kleinere zwischen 18 und 27 Reichstalern. 1710, also im schlimmsten Pestjahr, erfolgte ein starker Einbruch für die Steuererwartungen, indem Gesamtsummen von nur noch 56 bzw. 8 Reichstalern, im Jahre 1711 von 39 bzw. 8 Reichstalern angesetzt wurden. In den dann folgenden Jahren stiegen zwar wieder die Gesamtsummen, blieben aber dennnoch deutlich unter den Zahlen vor der Pest. Diese Zahlen berücksichtigen die Verluste an Menschen und Tieren, die nicht so schnell ausgeglichen werden konnten. Bei den bisher genannten Zahlen handelt es sich um Sollzahlen, die jedoch auch in Arys in den Jahren 1708-1713 nicht vollständig eingebracht werden konnten, vor allem im Jahre 1710 sank die Einnahme von den Kölmern in Arys auf den Tiefstand von 12 Reichstalern 40 Groschen 10 1/2 Pfennigen (51). Es blieb in diesen Jahren ein "ungewisser Rest", das waren die wegen der wirtschaftlichen Not nicht mehr einzutreibenden Außenstände.

Vergleichbar ist die Entwicklung bei den Zinsbauern und den Budnickern, grundbesitzlosen Waldarbeitern, in Arys (52). Die Gesamtfläche der Bauernzinshufen betrug 48 Hufen 9 Morgen. Für die Berechnung des Hufenschoß wurden die vier Pfarrhufen, das Übermaßland von 14 Hufen 9 Morgen und die wüsten Hufen abgezogen. Wüste Hufen gab es bis 1705 drei, 1706 3 Hufen 15 Morgen, 1707-1710 6 Hufen 15 Morgen, 1711-1714 12 Hufen sowie 1715 nur noch 8 Hufen 15 Morgen. Die Einnahme aus dem Hufenschoß wurde auch bei den Zinsbauern von 1703-1705 in zwei Schritten verdoppelt, ging aber wegen des Wüstwerdens weiterer Hufen wieder zurück. Deutliche Tiefststände zeigen die Jahre 1711-1712. Die Hauptabgaben waren wie bei den Kölmern und Krügern die von der Anzahl der Personen und Tiere abhängigen Steuern, die im einzelnen bei jenen genannt worden sind. Von den eigentlichen Zinsbauern gesondert, werden Beträge für die Budnicker angeführt, so daß auch hier unter Arys stets zwei Zahlen erscheinen. Im Verhältnis zur Höhe der Gesamtabgabe der Zinsbauern schwankte die der Budnicker zwischen etwa 25 und 50 %. Sehen wir wieder von den Groschen- und Pfennigbeträgen ab, schwankte in den Jahren 1700-1709 der Gesamtbetrag bei den Zinsbauern zwischen 53 und 77, bei den Budnickern zwischen 21 und 34 Reichstalern. 1709 setzte bereits die Abwärtsentwicklung ein. Den Tiefststand erreichten die Sollzahlen auch hier erst im Jahre 1711 mit 19 bzw. 6 Reichstalern. Schon seit 1707 bei den Zinsbauern, seit 1708 bei den Budnickern ließen sich die Steuererwartungen nicht mehr vollständig eintreiben. 1710 sind von den Zinsbauern nur 11 Groschen 4 1/2 Pfennige eingegangen, bei den Budnickern war der Tiefststand 1711 mit 9 Groschen erreicht. Danach setzte wieder eine Aufwärtsentwicklung ein, doch blieben die Beträge deutlich unter denen aus der Zeit vor der großen Pest (53).

Gegenüber den Verhältnissen des ganzen Hauptamtes Rhein zeigte Arys eine kleine Abweichung, indem in den Jahren vor 1708 die Sollzahlen mit den Istzahlen übereinstimmten, während für die Kölmer im ganzen Amt stets ein "ungewisser Rest" verzeichnet wurde und bei den Zinsbauern nur in den Jahren 1702-1705 alle Steuerforderungen eingekommen waren (54). Hungersnot und Pest hatten erhebliche Mängel der Landesverwaltung deutlich werden lassen, so daß noch in der Zeit von König Friedrich I. die Bemühungen begannen, durch eine Reform die starken Schäden des Landes auszugleichen. Da im Lande angesichts der großen Bevölkerungsverluste keine Kräfte zur Verfügung standen, ging es auch darum, Einwanderer anzuwerben. Erst unter König Friedrich Wilhelm I. (1713-1740) stellten sich Erfolge ein. Zu den Voraussetzungen gehörte eine Steuerreform, zu der die entscheidenden Anstöße von Karl Heinrich Erbtruchseß Graf zu Waldburg (1686-1721) ausgingen (55). Voraussetzung für einen wirtschaftlichen Wiederaufbau war eine gerechte Besteuerung des Landes, nämlich nach der Qualität des Bodens und nicht nach der Anzahl von Menschen und Vieh, wodurch in der Vergangenheit der "kleine Mann" stark benachteiligt worden war. Unter Graf Waldburg wurde in den Jahren 1715-1719 der gesamte Grundbesitz von einer Kommission durch Befragungen und Besichtigungen vor Ort neu aufgenommen. Neu geschaffen wurde ein Generalhufenschoß. Im Ergebnis wurde nunmehr der Adel deutlich stärker finanziell herangezogen als vorher.

Am 28. September 1718 hat die Kommission sich im Marktflecken Arys getroffen und hat Arys sowie vier Nachbarorte beritten. Für Arys wurden 79 Hufen 9 Morgen 150 Quadratruten zu Protokoll genommen (56). Am 16. Januar 1719 wurde über die "Beschreibung" des Dorfes verhandelt. Die genannte Hufenzahl setzte sich aus je vier Pfarr- und Schulzenhufen, 24 Hufen 1/2 Morgen der Kölmer, 33 Hufen der Bauern und 14 Hufen 9 Morgen Übermaßland zusammen. Die Äcker waren in drei Felder geteilt, die im einzelnen hinsichtlich ihrer Beschaffenheit beschrieben werden, wobei sandige, steinige und lehmige Bereiche benannt werden. Wiesen wurden nur wenige festgestellt. Unter den Triften wurden ein Roßgarten von etwa 15 Morgen Größe und zur Viehweide schlecht geeignete Brüche verzeichnet. Wald, dem Bauholz hätte entnommen werden können, gab es nicht. Aufgeführt wurden drei jährliche Jahrmärkte, die Kirche, deren Patronat dem König gehörte, die königliche Mahlmühle mit zwei unterschlägigen Gängen nebst Aalkasten. Es wurden fünf privilegierte Krüge festgestellt sowie die freie Fischerei einiger Kölmer im See Zaimo. Außer notdürftigen Küchengärten gab es einen Baumgarten des Wildnisbereiters (57). In einem Anhang wurde eine Reihe abseits ("absonderlich") liegender Orte aufgenommen, teilweise von nur wenigen Morgen Umfang. Lage, Besitzer, Rechtsverhältnisse und wirtschaftliche Bewertung wurden verzeichnet (58), können hier jedoch aus Raumgründen nicht wiedergegeben werden.

Das eigentliche Bauerndorf Arys wurde einem Katalog von 27 Fragen unterworfen. Ohne die Hufen nach Kulmer Recht wurde die volle Hufenzahl mit 51 Hufen 9 Morgen angegeben, von denen zwei als Untermaß abzuziehen waren. Von 14 Hufen 9 Morgen Obermaßland wurde kein Zins erhoben, neun Hufen waren zum Zins für wüste Hufen ausgegeben. Wildnisbereiter und Müller hatten eigene Hufen. Die bisherigen 22 Hufen wurden fest ins neue Kataster aufgenommen. Die Zahl der Zinsbauern und der auch tatsächlich besetzten Erben wurde mit elf angegeben. Die Fragen nach der Höhe des Zinses und des Scharwerks sowie nach Miets- und Instleuten im Dorf wurde nicht oder mit nein beantwortet. Der Pfarrer habe einen Knecht, eine Magd und halte sich zwei Gärtner zur Arbeit. Die Postfuhr stelle eine merkliche Belastung dar. Die Bauern könnten auf ihren zwei Hufen drei Fuder Heu machen; zwar seien die Wiesen teilweise morastig, würden aber nicht überschwemmt werden. Viehsterben habe es nicht gegeben. Diese Angaben wurden am 1. Februar 1719 von dem Schulzen Michel Gehrmann und den Bauern Mathes Kordack und Woyteck Plewko bestätigt (59).

In einer ausführlichen Niederschrift wurden die Schulzen, Krüger und Kölmer nach ihren Besitztümern verzeichnet. Von den vier Schulzenhufen waren zwei in der Hand des Landkämmerers Martin Pohl, je eine in der von Jann Sowitzki und des Landschöppen Michel Gehrmann. Zwei weitere kölmische Hufen teilten sich Pohl und Sowitzki. Die zwei Hufen Pissansken teilten sich drei, die zwei Hufen Plebansken 15 Besitzer. Diese und die folgenden Ländereien waren in kleine Teilstücke zergliedert; die Namen der jeweiligen Besitzer wiederholen sich und können hier nicht einzeln zugeordnet werden. Insgesamt ging es um 30 Hufen 150 Quadratruten. Die Rechtsform und die Art der Bewirtschaftung wurden verhältnismäßig ausführlich beschrieben (60). In einem neuen Kataster wurden als Ergebnis der Untersuchung die anerkannten Zahlen der Generalhufenschoß-Bemessungsgrundlage und die daraufhin in den nächsten Jahren zu zahlenden Schoßbeträge für Adel, Kölmer und Freie verzeichnet. Für Arys werden die drei Schulzen nur als Gruppe, die fünf Krüger, nämlich Pfarrer Gorbowius' Erben, Johann Hoffmann, Johann Christ. Horn, Michael Horn und die Erben des Wildnisbereiters Werner, einzeln und schließlich sechs kölmische Besitzgruppen, nämlich Barranienen, Pyssarsken, Plebansken, Pissansken, Piasken und Klein Schweykowen, in der Tabelle aufgeführt (61). Eine Aufstellung der Zinsbauern und ihrer Beträge ist von 1719 nicht überliefert.

Zum Wiederaufbau des Landes gehörten nicht nur Maßnahmen, die die Wiederbesiedelung von Dörfern, die Wiedererrichtung von Höfen, Mühlen und anderen wirtschaftlichen Einrichtungen auf dem 'platten Lande' zum Ziel hatten, sondern die auch ein städtisches Leben zur Förderung des Handels im östlichen Preußenland begründen sollten (62). Im 14. Jahrhundert hatte der Deutsche Orden in regelmäßigen Abständen Kleinstädte als wirtschaftliche Zentren für die jeweiligen Neusiedelgebiete angelegt. Seit dem 15. Jahrhundert waren Stadtgründungen nur noch vereinzelt im Preußenland erfolgt. Erst unter Friedrich Wilhelm I. wurden in größerer Zahl Städte neu gegründet oder vorhandene ländliche Siedlungen zu Städten ausgebaut (63). Zu dem entstehenden Kammerdepartement Gumbinnen, das 1736 von Königsberg gelöst wurde, gehörte auch das östliche Masuren. Dort wurde westlich des Spirdingsees Nikolaiken im Jahre 1726 Stadt, bereits im Jahr zuvor Arys. Dieses ursprüngliche Zinsbauerndorf war schon gelegentlich in den Akten als Marktflecken bezeichnet worden. Offenbar wurden in Arys schon längst Jahrmärkte abgehalten. Der Ort lag an den Durchgangsstraßen von Rastenburg über Rhein nach Lyck sowie von Lötzen nach Johannisburg und weiter nach Warschau (64).

Als die Preußische Kriegs- und Domänenkammer am 22. Februar 1725 dem König vorschlug, Arys zur Stadt zu machen (65), stellte sie dieses als eine fiskalische Frage dar, indem sie die Erhebung zur Stadt mit der Einführung der Akzise verband. Seit dem späten 17. Jahrhundert gab es auch im Herzogtum Preußen für Stadt und Land unterschiedliche Steuersysteme. Während auf dem Lande der Schoß von festen Größen - Grundfläche, Zahl von Menschen und Tieren - ausging, wurde die Akzise als Steuer von Verbrauchsgütern erhoben (66). Die Kammer reichte Berechnungen der beiden unterschiedlichen Steuersysteme für Arys ein und kam zu einer kleinen Mehreinnahme durch die Akzise. Sie machte darauf aufmerksam, daß zu hoffen sei, daß mit der Einführung der Akzise Handwerker und andere städtische Leute sich niederlassen und damit die Einnahmen erhöhen würden.

Als Einnahmen der bisherigen Kontribution wurden zwei Hauptposten angeführt: Von den drei Schulzen, den fünf Krügern und den sechs kölmischen Besitzungen Barranienen, Pyssarsken, Plebansken, Pissansken, Piasken und Klein Schweykowa 188 Reichstaler 87 Groschen 15 Pfennige; von den zwölf Zinsbauern, die je zwei Hufen besaßen, nebst Tranksteuer 323 Reichstaler 46 Groschen 7 Pfennige. Das ergab zusammen 512 Reichstaler 44 Groschen 16 Pfennige (67).

Nach dem Akzisesystem wären an ordentlicher Verbrauchssteuer von 209 Einwohnern 313 Reichstaler 45 Groschen, an außerordentlichen Verbrauchsabgaben 332 Reichstaler 8 Groschen zu erheben, von denen Verwaltungsausgaben in Höhe von 188 Reichstalern abgingen, so daß 457 Reichstaler 53 Groschen verblieben. Dazu käme der Tranksteueranteil von 87 Reichstaler 40 Groschen, so daß nach dem Akzisesystem insgesamt 545 Reichstaler 3 Groschen einkämen, also gegenüber der alten Kontribution eine kleine Mehreinnahme von 32 Reichstalern 48 Groschen 2 Pfennigen (68).

Anläßlich dieser Aufrechnung wurden sämtliche Haushalte namentlich erfaßt. Es waren dies die Schulzen Michael Gehrmann, der jetzige Landschöppe, Martin Pohl, der frühere Landkämmerer, und Johann Sowotzky; die Krüger Adam Florian, Johann Hoffmann, Johann Christoff Horn, der Schulrektor, Michael Horn und Math. Karbatzky; die Bauern Marcin Chilleck, Matthes Deppa, Adam Drubod (Danielczig), Jan Gollick (Jollick), Matthes Gucella (Cucella), Marcin Otteck, Thomeck Pionteck, Woiteck Plewka, Wilm Schlaskowsky, Fabian Schyweck, Marcin Urbann und Fritz Zondro; die Budnicker And. John, Math. Klimasewsky, Jan Michalczig, Thom. Pudelcko und Gregor Schima, ein Bäcker; die Freigärtner Jan Gekay, ein Grobschmied, Mart. Muslowsky, Martin Neumann, Jan Schyweck und Samuel Storch, ein Kleinschmied; die Gärtner unter den Einsassen, nämlich Jan Broda, Dudeck, Jan Lasnietzky, Lenckewitz, Gerge Luckas, Michalus, Jan Milewsky, Nicodem, Obitz, Pawel und Jan Serovi; die Instleute Bandurra, Berentz, Gerge Gimay, Christ. Grzescig, Michael Glembotzky, der Glöckner, Michael Kahsmicz, ein Schuster, Klakutz, Michael Klies, ein Schneider, Woiteck Kotzlowy, Merten, ein Pole, Nicolay, Mucha Ogrotczig, ein Pole, ein Pole ohne Namen, Gerge Przykopansky, Paul Pscolla, Csapa, Jacob Schiarna, Thomeck Schiarna und Paul Sokolowsky. Bemerkenswert ist, daß drei Instleute ausdrücklich als Polen, wohl als Neueingewanderte, gekennzeichnet wurden, während die anderen Familien mit slavisch klingenden Namen offenbar als Landeskinder angesehen wurden. Mit Ehefrauen, Kindern über sechs Jahren, Knechten, Mägden und Jungen, deren Anzahl für jede Familie angegeben wird, sind das insgesamt 209 Personen. Es fehlen lediglich die Kinder unter sechs Jahren, weil diese für die Verbrauchssteuer nicht veranschlagt wurden.

Die Verfügung des Königs an die Preußische Kriegs- und Domänenkammer ist am 3. März 1725 ergangen. Sie lautet als Entwurf:

"Friedrich Wilhelm König [ ... ] Unsern [ ... ] Wir approbiren bey denen in Eurer attestirten Relation vom 22ten Februarii jüngsthin angeführten Umständen hiemit in Gnaden, daß das im Ambt Rhein gelegene Dorf Aryss zur Stadt declarirt und die Accise daselbst eingeführet werde. Ihr habt also einem von den bisherigen kleinstädtischen Accise-Controlleurs gegen Caution zum Ein nehmer daselbst zu bestellen. Daran [ . . . ] Seyndt [... ] Geben Berlin den 3ten Martii 1725" (69).

Die Stadt Arys hat offenbar keine feierliche Stadtrechtsurkunde erhalten wie etwa im Jahre 1642 die Stadt Labiau (70). Das war nicht mehr zeitgemäß und macht deutlich, daß Arys zu einer Zeit Stadt wurde, als eine städtische Selbstverwaltung im absolutistischen Fürstenstaat einen geringen Stellenwert hatte. Die Stadt hatte in erster Linie eine Funktion in der staatlichen Wirtschaft. Dennoch handelte es sich auch unter diesen Umständen um eine erstrebenswerte Stellung, denn nun setzte für Arys der Kampf ein, die städtischen Ämter ordnungsgemäß zu besetzen (71), um wenigstens in einem bescheidenen Rahmen ein kleinstädtisches Leben zu beginnen. Auch für - das kirchliche Leben brachte die Stadtwerdung merkliche Veränderungen, über die schon nach wenigen Jahren der zuständige Erzpriester einen eindrucksvollen Visitationsbericht gegeben hat. Die Sorgen berührten sowohl die wirtschaftliche Seite als auch die angemessene geistliche Versorgung deutschsprechender Gemeindeglieder, die sich offenbar inzwischen im Ort niedergelassen haben, um städtisches Gewerbe auszuüben (72).

Anhang

Visitationsbericht des Erzpriesters von Johannisburg, Johannes Friedrich Boretius (73), über die Kirche zu Arys.

[Johannisburg. 1728 November 25.]

Eigenhändige Anlage nebst Beilage zum ebenfalls eigenhändigen Schreiben des Erzpriesters vom 25. November 1728 an den König. StA Kbg., EM 122 e Nr. 14, Bl. 3r-4r, 5r (74).

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zu den Fußnoten

Quelle:
Jähnig: "Die Stadtwerdung von Arys" mit Anhang: "Die ev. Kirche von Arys",
mit Fotos und Kirchenvisitation vom 25. Nov. 1728,
VFFOW, APG NF Band 23, Seite 113-132;

weitere Informationen in:
Jähnig: "Die Stadtwerdung von Arys" mit Anhang: "Die ev. Kirche von Arys",
mit Fotos und Kirchenvisitation vom 25. Nov. 1728,
VFFOW, APG NF Band 23, Seite 113-132;
Faltin: "Die Rektoren und Konrektoren der Kirche zu Arys"
VFFOW, APG NF Band 14, Seite 79-80;
Janczik: "Einnahme- und Ausgabenrechnung der Kirche zu Arys 1669-1673"
VFFOW, APG NF Band 19, Seite 55-60;
"Aus der Aryser Stadtchronik" zum 500-jährigen Bestehen der Ortschaft
und zum 200-jährigen Stadtjubiläum, Juni 1925,
Chronik-Sammelband, Kreisgemeinschaft Johannisburg, 1982

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Stand: 23. September 2017