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Johannisburg in Ostpreußen

 
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Festschrift zur Feier des 500jährigen Bestehens
von Bialla Ostpr.  1428 - 1928

 
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Die Geschichte der Stadt Bialla
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Die Entstehung des Ortes

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Die Stadt Bialla

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Bialla von 1800 bis zur Jahrhundertwende
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Die Jahre bis zu den Befreiungskriegen

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von 1816 bis 1840

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Ausklang

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Bialla von 1800 bis zur Jahrhundertwende.

 

XI. Kapitel

Die Jahre bis zu den Befreiungskriegen.

Bevor in die weitere Behandlung der Ortsgeschichte eingetreten werden soll, wird man die Schilderung der wirtschaftlichen Verhältnisse in Bialla, wie sie um die Jahrhundertwende sich für die Stadt auswirkten, kurz streifen müssen. Die Stadt wuchs trotz des merklichen Aufschwunges, den Handel und Wandel seit 1750 genommen hatten, nur recht langsam. Wir werden um 1800 nur eine Bevölkerungszunahme von 100 Seelen seit 50 Jahren feststellen können. Eine kurze Blüte brachten dann die letzten Jahre vor dem neuen Jahrhundert, als der Verkehr mit Neuostpreußen über die ehemalige polnische Grenze ungehindert einsetzte. Die verschiedenen Industrien, die damals in Masuren entstanden, machten sich auch in geringer Beziehung auf Bialla bemerkbar. So wurde auf dem Hügelgelände von Gehsen bis Bialla eine starke Tätigkeit im Zusammenhange mit den an verschiedenen Stellen neugeschaffenen Eisenhüttenwerken entwickelt. In den um Bialla liegenden Kiesbergen und Lehmgruben wurde der zahlreich vorhandene silurische Kalkstein in großen Mengen - es wird von jährlich mehreren hundert Tonnen berichtet - gewonnen und als Zuschlag für die Eisenerzgewinnung aus dem Raseneisenstein verwandt. In beschränktem Umfange fand auch um Bialla die Köhlertätigkeit und die Teerschwelerei Eingang. Selbstverständlich hatten diese neuen Wirtschaftszweige auch ihre Rückwirkung auf die Stadt, zu welchen noch der ungehinderte in der ersten Zeit recht starke Handelsverkehr über die ehemalige Grenze trat. Dazu hatte Bialla noch immer eine Garnison, die sogar durch die Okkupation von Neuostpreußen sich zeitweise verstärkte und der Bürgerschaft guten Verdienst und Erwerbsquellen eröffnete. Die häufigen Truppendurchzüge belebten auch die Wirtschaft und der derzeitige Stadtchronist spricht sich recht hoffnungsreich und befriedigt über die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt in jenen Jahren aus. Leider erfolgte schon anfangs 1800 der Umschlag dieses Zustandes. -- Die in Bialla garnisonierten Husaren waren nach der Einverleibung Neuostpreußens durch eine Eskadron Dragoner abgelöst worden. Aber auch diese wurden im Jahre 1800 in die neuen Gebiete abkommandiert und abgesehen von Einquartierungen, sah Bialla fortan keine ständigen Truppen in seinem Weichbild. Zu diesem, die Stadt sehr hart treffenden Verlust, trat noch ein anderes Moment hinzu, daß vielleicht noch ungünstigeren Einfluß auf ihre Wirtschaft hatte. Hatte man anfangs noch den üblichen Verkehr über die Grenze beibehalten, so verlegte sich mit dem inzwischen begonnenen Bau bequemer und günstigerer Landstraßen der Verkehr aus der Umgegend auf andere größere und wichtigere Brennpunkte. Die Konzentration der Behörden auf die benachbarten größeren Städte zog vieles Landvolk von Bialla ab, insbesondere es der Stadt an verbesserten oder neuerbauten Landstraßen völlig fehlte. Der Rückschlag kam für das kleine auf wirtschaftliche Unterstützung von außen angewiesene Gemeinwesen zu plötzlich, als das man es verstanden hätte, sich umzustellen. Den kurzen Jahren der Blüte, die ja eigentlich nur eine Scheinblüte war, folgten lange Jahre des Rückschrittes und Stillstandes. Bialla stand vor einem Jahrhundert voll der mannigfaltigsten Schwierigkeiten.

Im Jahre 1800 wurde auf Grund einer Verfügung der Regierung, wie in allen preußischen Städten, so auch in Bialla eine Stadtchronik angelegt. Uns sind diese Aufzeichnungen glücklicherweise erhalten und mit ihnen beginnt auch der stattliche Aktenband »betreffend Chronik der Stadt«, der als Quellenmaterial für die Geschichte der Stadt im letzten Jahrhundert besonders wertvoll ist. -- Der erste Schreiber dieses fast vier Jahrzehnte umfassenden Chronikausschnittes gibt seinen Eintragungen folgende Einführung:

Nachricht

über die merkwürdigsten Ereignisse, Einrichtungen und Dienstveränderungen, in der Stadt Bialla seit dem Anfange des gegenwärtigen Jahrhunderts. -- Nur Nachrichten, die nicht etwa schon durch ein anderes Bürgerliches Verhältnis dem Andenken der Nachwelt aufbewahret werden, scheinen zur Tendenz gegenwärtiger durch die hohe Staats=Behörde angeordneten Stadt=Chronik zu gehören, und allerdings wird durch sie nicht nur ein monument zur Dankbarkeit für die Nachkommen, sondern auch zugleich der Keim der sittlichen Nacheiferung und Moralitädt gelegt.

In den folgenden Darstellungen hat sich der Verfasser unter Einflechtung seines weiteren Materials eng an diese Aufzeichnungen angeschlossen und bringt sie zum Teil im weiteren Texte wörtlich.

Da werden sicherlich zunächst die Schicksale einiger für die Stadt Bialla bedeutungsvoller Bürger interessieren, deren Namen in den vorhergehenden Schilderungen bereits genannt sind. -- Am 21. Juni 1803 starb der Pfarrer Kempf, nachdem er 29 Jahre lang das Pfarramt zu großem Nutzen für die Gemeinde verwaltet hatte. -- Ein trauriges Ende nahm am 4. Oktober 1805 der sehr geachtete und verdiente Stadtkämmerer Anderson, der sich in einem Anfalle geistiger Umnachtung in einen Brunnen stürzte und ertrank. -- Zwei weitere angesehene Männer raffte der unerbittliche Tod dann im Jahre 1807 hinweg: den Bürgermeister Borowy und den Akziseeinnehmer Kuspiel. In den Händen der Familie Kuspiel, insbesondere des derzeitigen Pfarrers Kuspiel in Eckersberg, die eine der ältesten Familien des Ortes gewesen ist und deren Mitglieder hier angesehene Aemter bekleideten, sollen sich wertvolle Aufzeichnungen über den Ursprung der Stadt und des Ortes überhaupt befunden haben. Badauerlicherweise ist jedoch heute über diese Notizen nichts mehr zu erfahren. --

Als der unglückliche Krieg Preußens gegen den großen Korsen 1806 ausgebrochen war, spürte unser Städtchen zunächst wenig von diesem verhängnisvollen Ereignis. Und als es dann schließlich doch die Auswirkungen des Krieges zu merken bekam, da waren diese für den Ort eher »wohlthätig als nachteilig.« Starke Abteilungen kaiserlich-russischer Hilfstruppen zogen nämlich durch den Ort und kam durch sie, wenn wir auch von einem Anziehen der Preise und Knappheit der Lebensmittel hören, »auch weit mehr Geld als sonst im Umlauf.« Dieser Unterschied von Licht und Schatten, Vorteilen und Nachteilen des großen Ereignisses sollte sich bald viel stärker, für die Bürgerschaft in unangenehmster Weise fühlbar machen, wenn auch auf der anderen Seite »viel Geld verdient worden« ist. - Im Januar 1807 rückte in Bialla das Hauptquartier der russischen Armee des Generals von Buxhöwden ein, der hier durch den General von Bennigson im Kommando abgelöst wurde. Mehrere tausend Mann und der gesamte Stab, nebst vielen Bagagen waren neun Tage lang in der Stadt untergebracht. Uns wird berichtet, daß die Stadt zu dieser Zeit kaum 100 Feuerstellen umfaßte und daß jedes Haus bis unter das Dach voll Einquartierung lag. Schon am zweiten und dritten Tag nach dem Einzug der Russen wurden die Lebensmittel sehr rar und stiegen die Preise zu einer bis dahin noch nie gekannten Höhe an, die für die meisten Einwohner fast unerschwinglich war. Im Laufe der russischen Besatzung wurden der Mangel immer größer und die Not der Bürgerschaft wird »unbeschreiblich« genannt. Große Verluste erfuhr die Einwohnerschaft auch noch durch die dauernden Gestellungen von Fuhren, durch die sehr viele Pferde und Schlitten ihren Eigentümern verloren gingen. Das Unglück der Stadt erreichte aber seinen Höhepunkt, als nach der Schlacht bei Friedland Franzosen und Polen einrückten und alles requirirten, was noch vorhanden war. Für den Scheffel Roggen bezahlte man um diese Zeit 5 Rthlr. - Der Viehbestand wurde durch die Rinderpest, die sich durch das von den Truppen mitgeführte Vieh epidemisch ausgebreitet hatte, vollkommen dezimiert und blieben in dieser viel Landwirtschaft treibenden Stadt kaum 40 Stück Vieh übrig. Dazu grassierte das sogenannte »Nervenfieber« und raffte eine große Anzahl Menschen dahin. Fast 80 Personen sollen an ihm in diesem Jahre gestorben sein. -- Auch noch im nächstem Jahre war die Sterblichkeit in der Stadt größer als gewöhnlich. Man begrub im Jahre 1808 58 Tote, darunter 15 Kinder, die den Blattern erlegen waren.

Für die Stadtverwaltung brachte das Jahr 1809 auf Grund der neuen Städteordnung einschneidende Veränderungen. Das erste Stadtparlament wurde konstituirt. Der alte Magistrat wurde aufgelöst -- »zum großen Nachteil der Stadt« wie der Chronist sagt -- und neue Mitglieder an deren Stelle gewählt. Der neue Magistrat bestand aus folgenden Männern: dem Bürgermeister Surkow, dem Stadtkämmerer Brosch, den Ratsmännern Scerba, Fbell (Ebel ?) sen., v. d. Lochau und Hoppe. Die Mitglieder des neuen Magistrats und der Stadtverordnetenversammlung wurden durch den Kriegs-, Domänen- und Steuerrat Becherer eingeführt und in der Kirche nach einer von Pfarrer Raabe gehaltenen Predigt vereidigt.

1810

Am 10. September um 10 Uhr abends entstand eine Feuersbrunst, die in wenigen Stunden einige 20 mit Feldfrüchten gefüllten Scheunen und Stallgebäude einäscherte.
 

1811

In diesem Jahre wurde von dem hiesigen Mühlenbesitzer und Ratmann Hoppe nahe an der Stadtgrenze die neue Kosucher Mühle erbaut.
 

1812
 

Bisher hatte zwischen den beiden Schulklassen von Bialla keine besondere Verbindung bestanden und mußten sie »als zwei ganz besondere Schulen betrachtet werden«, weil sämtliche deutschen Kinder von ihrem Eintritt in die Schule bis zum Abgang aus ihr zur Klasse des Rektors und die masurisch-polnisch sprechenden Kinder zu der Klasse des Kantors gehörten. Durch eine Verfügung der Geistlichen und Schul-Deputation wurde nunmehr bestimmt, daß alle Anfänger ohne Unterschied der Sprache zur Klasse des Kantors gegeben, alle anderen aber, die in ihren Kenntnissen Fortschritte gemacht hatten, in die Klasse des Rektors versetzt werden sollten.

Zu Anfang des Monats Juni rückten auf dem Zuge nach Rußland 2 Ekadronen bayrischer Chevaux legers in Bialla ein und nahmen hier neun Tage Quartier. Später zogen noch zweimal größere Infanterie-Kolonnen durch den Ort und hatten die Bürger wieder die üblichen Fuhren zu stellen. Am Schluß des Jahres kamen einzelne flüchtende Franzosen auf ihrem Rückzuge aus Rußland in »erbärmlichem Zustande« durch die Stadt. - Auch in diesem Jahre war die Sterblichkeit größer als gewöhnlich, indem in der Stadt 61 Menschen gestorben sind.

Die Organisation des hiesigen Stadt-Gerichtes.

Der Ort hat seit der justiz visitation des Regierungs Rath Glawe den Richter verloren und war zu Johannisburg geschlagen, in diesem Jahre aber wurde projectirt und

1813

das combinierte Justiz=Amt und Stadt=Gericht etabliret, wobey Kuspiel als Justizamtmann und Kasprzyck als Registrator angestellt wurden. - Gleich zu Anfange gingen mehrere zum Verfolgen der fliehenden Franzosen bestimmte Abteilungen der Kaiserl. Russ. Armee durch unsere Stadt. - Allgemeine Freude verbreitete sich auch hier, als die Verbindung unserer Heere mit dem Russ. in dem erhabenen Zwecke unsere eigene und Europas Freiheit und Unabhängigkeit zu erkämpfen, bekannt wurde, ein hoher Entusiasmus ergriff auch die hiesigen Enwohner, der sich auch hernach als bei Errichtung der Landwehr deutlich genug aussprach. Mehrere traten als Freiwillige in die Reihe der Landwehrmänner, darunter einige angesessene Bürger, einige haben nicht unbedeutende Summen zur Ausrüstung derselben erlegt und einen berittenen Landwehr-Mann ganz auf eigene Kosten ausgerüstet.

Auch hat hiernächst die hiesige Stadt als eine gewiß der ärmsten in allen Preuß. Staaten, aus eigenem Patriotismus für alle die von hier ausgestellten Landwehrmänner und die übrige Armeen erforderten Lieferungen und Beiträge pünktlich geleistet und abgetragen, als Officires traten von hier aus in die Landwehr der Bürgermeister Surkow und der älteste Sohn des Pfarrers Raabe, ein gleicher Entusiasmus zeigte sich auch bei der organisirung und vereidigung des Landsturms, bei welchen beiden Gelegenheiten der Pfarrer Raabe in Gegenwart des Ober=Kommandanten des Landsturms dieses Kreises Herrn Obrist v. Schachtmayer in einem auf dem Markte vom Landsturm formirten Kreise Reden hielt, worin er die Einwohner zu unerschütterlicher Treue und Anhängigkeit an König und Vaterland ermunterte.

Auch in diesem Jahre hat eine ungewöhnliche Sterblichkeit geherrscht. Der Todt hat überhaupt 60 Menschen hingerafft, und darunter 21 an Blattern, und 6 an Nervenfieber.
 

1814

Nach erfochtenem Siege über die Franzosen kehrten unsere Helden in ihre Heimat aus Frankreich ohne die mündeste Priwat Beute zurück, sie mußten aber im Monat Aprill
 

1815

schleunigst gegen denselben Feind wiederum aufbrechen, weil Napoleon von Elba während des Wiener Congresses landete und das französische Volk aufs neue in Harnisch gesetzt hatte.

Der nicht lange bei eigenem Heerd und Familien Blut geweilte Soldat brach mit und ohne Ordre bei der kerglichsten Ausrüstung auf, jeder eilte zu seinen Fahnen -- sogar die Invaliden und mehrere Freiwilligen um dem wiederaufgelebtem Feinde muthvoll die Schranken anzuweisen; sie besiegten ihn und kehrten mit Ruhm bedeckt zu sammt der Landwehr in den Schoß ihrer Familie zurück. Weiber und Kinder der abwesenden Krieger wurden vom Staat mit Quartiergeld, Brod und  Holz und von den Einwohnern  mit mancherley Hülfs Mitteln unterstützt.

Die Namen der aus dem Kirchspiel Bialla während der napoleonischen Kriegen Gefallenen wurden später auf hölzernen Tafeln verzeichnet. Diese Tafeln wurden im Jahre 1906 durch Ehrentafeln aus Marmor ersetzt, die ebenso wie die alten in der Kirche ihren Platz fanden. Wir lesen folgende Inschrift auf den Tafeln:

Aus diesem Kirchspiel starben für König und Vaterland:

Friedrich v. Kall, Philipp v. Kall, Heinrich adolf v. Schulzendorf, Friedrich Scierba, Christian Palfner, Albrecht Brozio, Wilhelm Radtke, Michel Kosseck, Friedrich Stiller, Johann Andreas Scierba, Gottlieb Hecht.

1813                1814.

Ch. Gayeck 1806/1807.
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Aus diesen Jahren ist noch zu melden, daß am 9. Juli der alte Kirchhof, der neben dem Hause des Diakonus lag -- auf dem Platze der heutigen Schule -- als städtischer Begräbnisplatz geschlossen wurde. Der neue Friedhof wurde auf der anderen Seite des Mühlenteiches, dem bisherigen Begräbnisplatze gerade gegenüber, auf dem sogenannten Windmühlenberg - den wir übrigens später in der Nähe der Zander'schen Mühe wieder nennen hören - angelegt. Dort befindet sich der Friedhof noch heute. An dem angeführten Datum wurde ein armer Bürger, namens Urban, als erster auf dem neuen Kirchhofe auf Kosten der Stadt begraben. An dem Leichenbegängnis, das besonders feierlich gestaltet wurde, nahmen die Körperschaften, die Honoratioren, die Gewerke und zahlreiche Bürger teil. Pfarrer Raabe hielt eine dieser Begebenheit angepaßte Predigt. Uebrigens wurde dieser Pfarrer im September des gleichen Jahres auf verleumderische Beschuldigungen seines Schwiegersohnes, des Cantors Sadowski, von seinen Amtsgeschäften suspendiert. Den gewissenlosen Denuntianten traf die volle Verachtung der Bürgerschaft, die nicht eher ruhte, als bis er wegen verschiedener ehrenrühriger Handlungen, die er sich in seiner Stellung als Lehrer hatte zuschulden kommen lassen, von seinem Amte entsetzt wurde.

XII. Kapitel

Von 1816 bis 1840.

Hören wir noch im Jahre 1816 von einer Garnison in Bialla, so ist uns in allen sich auf die späteren Jahre beziehenden zeitgenössischen Aufzeichnungen und Akten, sofern sie jedenfalls dem Verfasser verfügbar waren, nichts mehr von einer Garnison erwähnt worden. Es ist anzunehmen, daß nach Auflösung der Truppenverbände nach den Befreiungskriegen, wie in manchen anderen masurischen Städten, auch aus Bialla die kleine Garnison, um die es sich handeln kann, herausgezogen worden ist. Sie wird überhaupt nicht als ständige Garnison anzusprechen gewesen sein, sondern es wird sich lediglich um vorübergehende Unterbringung einiger Grenzschutztruppen gehandelt haben. - Im August 1816 nahm auch die gerichtliche Untersuchung gegen den erwähnten Pfarrer Raabe ihren Anfang. Dieser hatte inzwischen drei Disziplinarverfahren über sich ergehen lassen müssen. Seine Gemeinde verwandte sich in aufopferungsvoller Weise für ihn und erreichte auch die gerichtliche Untersuchung beim Oberlandesgericht in Insterburg. Nach eidlicher Vernehmung von 37 Zeugen aus allen Ständen wurde Raabe von allen Anschuldigungen frei gesprochen und die Untersuchung gegen ihn eingestellt. Die Gemeinde übersandte das umfangreiche Urteil an den König, der in einer Kabinetts=Order vom 27. Juli 1817 folgendes verfügte:

»daß der Pfarrer Raabe zu Bialla in Folge des Erkenntnisses des Ober=Landes=Gerichts von Litthauen vom 2. Juny 1817, wodurch er von allen Anschuldigungen frey gesprochen worden, wieder in sein Pfarr-Amt eingesetzt, und ihm die während seiner Suspension entzogenen Einkünfte erstattet werden sollen etc.«

Unter großer Teilnahme und herzlichen Glückwünschen seiner Gemeinde hielt Pfarrer Raabe am 21. September seine zweite Antrittspredigt.

1818

meldet die Stadtchronik: »Am 17. Januar traf auch diese Stadt der in der Provinz gewüthete Orcan, von Westen kommend, deckte mehrere Ziegel=Dächer bedeutend ab, vorzüglich Scheunen und Wirtschaftsgebäude. Vier der letzteren wurden halb und ganz zertrümmert, auch einiges Vieh darunter erdrückt. - Im Monat May ereignete sich ein Wolkenbruch. Er traf die Benachbarten Dörfer Krusewen, Konopken, Pawloczinen, Kosuchen und Rolken, verwüstete bedeutende Theile ihrer besaamten Felder und Gärte; steinerne und hölzerne Scheunen wurden fortgerissen, Schaafe= und Gänse=Herden beschädigt. Die Stadt mit ihren Territoris wurde verschont.«

Das 1772 erbaute Rathaus trug auf der Mitte des Daches einen kleinen Turm, in welchem die »Stadtglocke« hing. Die Tragbalken dieses Turmes, wie auch die ganze Verschalung waren durch Witterungseinflüsse baufällig geworden und mußte der Turm darum abgerissen werden. Die für Brände oder mancherlei Ereignisse wichtige Glocke fand ihren Platz in Zukunft auf einem Gerüst an der Nordseite des Rathauses neben dem kleinen, dort befindlichen Wachhause. An der Hinterfront des Rathauses erbaute man zur selben Zeit einen »Spritzen=Schauer« aus Fachwerk, der 54 Fuß lang und 19 Fuß breit war. Er enthielt neben den Räumen für die Spritzen und Wasserkufen noch einige Ställe für das kombinierte Stadt= und Amtsgericht, das schon damals im Rathause untergebracht war.

Der Bau eines besonderen, provisorischen Glockengerüstes wurde im Jahre 1819 auch schon für die Kirchenglocken nötig. -- Die Kirche hatte aus dem 17. Jahrhundert drei Glocken. Von diesen waren schon seit mehreren Jahren die beiden größeren geborsten und zum Geläut unbrauchbar geworden. Der Kirchenkasse fehlte es an Mitteln, die Glocken umschmelzen zu lassen. Da setzte sich der aus Bialla gebürtige, in Königsberg wohnende Kreis=Rath Johann Christian Mueller dafür ein, daß unter den in Königsberg ansässigen Kindern der Stadt Bialla - es waren zum Teil wohlhabende Kaufleute und angesehene Beamte - eine Sammlung veranstaltet wurde, um der Kirche neue Glocken zu schaffen. Die Sammlung zeitigte das erfreuliche Ergebnis von 260 Rthlr. und man konnte nicht nur beide Kirchenglocken, sondern auch noch die gleichfalls unbrauchbare Schulglocke vorn dieser Summe umgießen lassen. Die Kirchengemeinde hatte nur noch die Kosten für den Transport und die Aufrichtung zu tragen. - Nun war aber der alte Kirchturm nicht mehr wetterfest; auch wurde er beim Läuten der Glocken schon seit längerer Zeit so stark erschüttert, daß man ihm die neuen Glocken nicht mehr anvertrauen wollte. Von der Abtragung des alten und dem Aufbau eines neuen Kirchturmes mußte man der leidigen Geldfrage wegen mit der Hoffnung auf bessere Zeiten noch absehen. Man baute daher auch an der Kirche ein provisorisches Glockengerüst in aller Eile auf und zum ersten Male läuteten in der Sylvesternacht von 1819 zu 1820 der dankbaren Gemeinde die neuen Glocken. - Eine ausführliche Beschreibung der drei Glocken ist uns erhalten und soll diese hier nicht vergessen werden.

Die drei Kirchenglocken von Bialla 1819 / 1820.

Größe Jahr des Gusses Inschrift
kleine Glocke
1 3/4 Fuß groß
1687 im obersten Kranz: Gloria Soli Deo.
In der Mitte: Friedrich Freyherr zu Heydeck. Catarina Cybyla Freyfrau zu Heydeck. Geborene von Podwelz.
Im untersten Kranze: Gos. Mich. Gottfried Dornmann in Königsberck Anno 1687.
Mittlere Glocke
2 1/4 Fuß groß
Umgegossen 1819; wahrscheinlich auch 1687 gegossen Im oberen Kranze: Gegossen von Ludwig Copinus.
In der Mitte: Tunc temporis in coetu. Biallensi Tungebator Munere Pastoris Joh : Bern : et Diac : Aug : Fr : Tim : Czygan. Ihren Liebewerthe und theuern Angehörigen zum Denkmal wieder-hergestellt von den abwesenden Landsleuten in Königsberg 1819.  
Große Glocke
3 Fuß groß
Wie zuvor. Alles in der Mitte: Ihren Liebewerthe und theuern Angehörigen zum Denkmal wiederhergestellt von den abwesenden Landsleuten in Königsberg 1819.   Gegossen von Ludwig Copinus.
     Ad werbi divini auditum
     Preces peragendas ez Numen altissimum
     Hymnis Celebrandum voco
     Motisso meminisse hortor.

Als nächste Verbesserung, die man notwendigerweise an der Pfarrkirche vornehmen mußte, wurde die Reparatur der alten Orgel erwogen. Leider fehlten auch hierfür die Mittel und half man sich wieder durch die Veranstaltung einer Sammlung, diesmal unter der Bürgerschaft selbst. Man bekam über 500 Rthlr. zusammen und konnte das alte Orgelwerk von dem Orgelbauer Preuß aus Königsberg instandsetzen lassen. Im Jahre 1820 erklang denn auch nach sechsjähriger zwangsweiser Ruhepause die Orgel von Bialla, zur großen Freude ihrer Gemeinde.

Aus unbekannten Gründen brach dann am 29. Juni des genannten Jahres in den östlich der Stadt gelegenen Scheunen Feuer aus. Es griff schnell um sich und äscherte 9 Scheunen, 17 Ställe, 3 Speicher und 2 Schuppen ein. - Ueberhaupt vernehmen wir in den nächsten Jahren häufigere Nachricht von größeren oder kleineren Bränden, nicht nur in der Stadt selbst, sondern auch aus der Umgegend. Brandstiftung ist hier die meistgenannte Ursache der Entstehung und es setzten Maßnahmen der Regierung einer intensiveren Bekämpfung der Feuersbrünste ein. Wohl auch mit staatlicher Unterstützung schaffte die Stadt im Jahre 1822 für 400 Rthlr. eine Schlauchspritze an, die sich schon bald gut bewährte. - Das Jahr 1822 war auch in anderer Beziehung nicht sonderlich glückhaft für die Stadt. Der Winter wird uns als außer ordentlich milde gemeldet und brachte weder Frost noch Schnee. »Die Knaben spielten im Januar, Februar und Maerz draußen Ball« heißt es. Dazu kam dann im Frühjahr und Sommer große Trockenheit und Hitze, so daß die Umgegend eine völlige Mißernte zu verzeichnen hatte, als deren weitere Folge sich dann noch Viehseuchen einstellten.

Trotzdem begann man jetzt in der Stadt selbst mancherlei zu verbessern und eine Menge Neubauten von Häusern wurden ausgeführt. Es wurden zunächst anstelle der bisher hölzernen Brücken, die über den Mühlengraben und die anderen Abflußgräben führten, massive steinerne Brücken erbaut. So zuerst auf der »Schulzerei«, dann über den Mühlenbach am Stadtausgange nach Lyck und zwei kleinere Brücken auf der Straße nach Johannisburg. - Auch begann man in den Jahren 1823/1825 die bisher sehr vernachlässigte Pflasterung der Straßen aufzunehmen. Es wurde zunächst die »Hauptstraße« abschnittsweise gepflastert und verbreitert und auch an den übrigen Straßen nahm man Ausbesserungsarbeiten vor. Die Kosten hierfür wurden aus mehrmals von der Regierung bewilligten »Kommunal=Akzise=Unterstützungs=Geldern« bestritten und belasteten darum den Stadtsäekel kaum. Aber auch die private Bautätigkeit regte sich zu dieser Zeit tüchtig. 1823 wurden z. B. zwei Brau- und vier Brandhäuser vollkommen neu erbaut und ein weiteres Brand- und Brauhaus »feuersicher eingerichtet«. Im Sommer des nächsten Jahres wird dann die erste massive Scheune, die allerdings noch ein Strohdach hatte, in der Stadt errichtet und wiederum, je ein Brand- und Brauhaus neu erstellt. Bald (1825) hören wir wieder von Brückenbauten, Straßenpflasterungen, Errichtung neuer »ganz feuersicherer« Privatgrundstücke und dann geht man auch daran, den neuen Friedhof mit Wall und Graben zu umgeben, vergißt auch nicht dort Anpflanzungen von Weiden und Pappeln und wird sogar so unternehmungslustig, daß man ernstlich den Bau eines neuen Kirchturmes erwägt. Klugerweise wandte man sich in dieser Angelegenheit an den König um Gestaltung einer allgemeinen Kirchenkollekte zu diesem Zwecke und zur Bewilligung eines namhaften Gnadengeschenkes. Zwar waren die ersten Bemühungen in dieser Richtung scheinbar Fehlschläge, doch erreichten die Bürger durch Beharrlichkeit doch ihr Ziel, wie wir noch hören werden.

Es muß eigentlich Wunder nehmen, daß Bialla nicht nur als Komunalganzes in den Zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts Fortschritte machte, sondern auch wirtschaftlich immerhin bemerkenswertes leistete. Es war nämlich eine der besten Einnahmequellen der Bevölkerung, der Handel mit Polen, durch den Petersburger Ukas vom August 1822 fast gänzlich unterbunden worden. Vom 1. Januar 1823 an wurde nämlich die polnische Grenze für den vorher üblichen freien Verkehr an allen ihren Uebergängen gesperrt und gestattete fortan nur den Uebertritt an wenigen bestimmten, unter strenger Zollkontrolle stehenden Grenzübergängen. Wehmütig stellt der Chronist fest, von wie nachteiligen Einfluß doch diese Maßnahme sei, denn »somanche selbst verfertigte Fabrikate, die sie früher gelegentlich in Polen versilberten, geben hier den Werth nicht«. Es ist daher in gewisser Beziehung einigermaßen erstaunlich, daß Bialla in der Zeit von 1822 bis 1825 eine Zunahme an seiner Einwohnerzahl von über hundert Seelen zeigt. Sie beträgt jetzt 1.096. -

Doch vieles hatte sich auch unter den Einwohnern selbst geändert. 1820 wird der Diakonus von Bialla, August Czygan, als Superintendent nach Oletzko berufen und wird seine Stelle durch den Diakonus Gottfried Schulz besetzt. Zwei Jahre später kommt der Rektor Ksionsek, der an der Schule von Bialla seit 1816 wirkte und dem viel lobenswertes nachgesagt wird, nach Lötzen und an seine Stelle tritt der Kandidat der Theologie Bolck. Aufrichtigen und tiefen Schmerz empfand aber die Bürgerschaft über den Tod des schon öfters erwähnten Pfarrers Raabe, der am 13. September 1824 das Zeitliche segnete. Auch der beliebte Diakonus Schulz geht nach Angerburg und so wandelt sich im Zeitenlaufe nicht nur das äußere Gesicht der Stadt, sondern auch das seiner Bewohner.

Ein Ereignis ist es nun noch besonders wert, gerade an den Tagen des 500jährigen Bestehens Biallas eingehender geschildert zu werden. Das ist die »Hundertjährige Stiftungsfeier der Stadt«, die damals 1825 begangen wurde. - Hören wir, wie die Chronik sie schildert:

»Dieses Jahr wurde im Hause des Bürgermeisters Kühnast bei einem von ihm gegebenen Gastmahle, wozu die ersten der Stadt eingeladen waren, beschlossen und zugleich

die hundertjährige Stiftungsfeier der Stadt

dabei verbunden, was aus folgender vom Bürgermeister in der Versammlung gehaltenen Rede hervorgeht.

»Ein wichtiger Tag für jeden Menschen, der ein guter Weltbürger sein will, ist der heutige. Mit demselben beschließen wir das verlebte Jahr, welches uns naturgemäß Freude mit Leid wechseln ließ. Wir wollen uns dieses Tages, den wir in kleinen Freundschafts=Zirkel beim mäßigen Mahle feiern, lange erinnern, denn wir beschließen mit ihm ein ewig denkwürdiges Viertel=Jahrhundert, das die Weltgeschichte krönt. Wenn Jeder von uns zurückblickt, so sind meine weiteren Worte überflüssig, denn die überstandenen Kriegs=Drangsale und ihre Folgen stehen uns noch lebhaft vor Augen, sie haben die denkende Menschheit weiser gemacht und das Losungswort fest gestellt: »Sei sparsam, lerne entbehren und suche die goldene Zeit nicht im Ueberfluß, sondern in Genügsamkeit und Frieden.« - Und noch ein drittes Fest im Namen unserer Stadt wollen wir verbünden: Es sind hundert Jahre verflossen, daß dieser Ort zur Stadt erhoben wurde. Vier Generationen ruhen in ihren Gräbern, wir zählen die fünfte, in der das Dasein uns von der Vorsehung zugewiesen ist. Ich kann das Geschichtliche des ausgetretenen Seculi nicht vortragen, weil es von den Vorfahren nicht aufbewahrt ist, kann auch ebensowenig auf eine allgemeine Feier dringen, weil die Einwohner zur Verherrlichung derselben, wegen ungünstiger Zeitumstände zu arm sind. - - - Wir wollen daher im Namen der ganzen Stadt diese Feier im kleinen Zirkel begehen und Zeugen davon in unserer Stadt=Chronik sein, die seit dem Jahre 1801 geführt wird. Die Namen aller hier Anweseneen sollen in diese Chronik unter der getreuen Abschrift dieses ungekünstelten Vortrages eigenhändig gezeichnet werden.«

Leider fehlen diese Unterschriften. Nur ein breiter freier Raum folgt der Abschrift, in dem die Namenszüge der Festteilnehmer wohl Platz finden sollten. -- Stellen wir hier nur fest, daß damals wie heute die Moral die gleiche geblieben ist: »Sei sparsam, lerne entbehren!«

Im Jahre 1826 hatten die Bemühungan der Kirchengemeinde hinsichtlich der Subventionen für den Bau eines neuen Kirchturms endlich Erfolg. Der König bewilligte eine Zuwendung von 250 Rthlr. Sogleich erklärte sich jetzt die Gemeinde zur Hergabe der noch notwendigen Zuschüsse bereit und im Mai 1826 wurde der landbaumeisterliche Anschlag über 1.170 Rhtlr. 4 Sgr. 10 Pfg. aufgenommen und auch gleich die Beschaffung der Baumaterialien eingeleitet. - Zur selben Zeit baute der Justizamtmann Kuspiel neben der Straße nach Oblewen auf dem so genannten Krugmorgen ein hölzernes Wohnhaus und drei Wirtschaftsgebäude. Dieses »einem Höfchen gleiche Gebäude« wurde der Morgen-Grund benannt. - Die Chronik meldet weiter noch von diesem Jahre:

1826

»An mehreren Orthen Litthauens zeigten sich gleich im Frühjahre die Schaaf=Pocken=Krankheit und verpflanzte sich gegen Sommer auch hierher.  . . . Alle 647 Stück Schaafe wurden durch den Kreis=Physikus Herrn Dr. Schrahr aus Johannisburg mit so gutem Erfolge geimpft, daß von der ganzen Heerde nur 22 Schaafe starben. - In diesem Zeitraum ist mit der Rest der Kommunal=Akzise=Unterstützungs=Gelder auch die Straße zum Johannisburger Thor neu gepflastert worden.«

»Das vakante Diaconat wurde im September durch den bisherigen Lehrer vom Gymnasio in Koenigsberg J. F. A. von Szamborski besetzt. Er bekleidete in den früheren Jahren in Pohlen ein ansehnliches Amt bei einer katholischen Kirche.  . . . Die durch den Tod des Pfarrers Raabe erledigte Pfarrer=Stelle wurde dagegen im Januar 1825 dem bisherigen Diakonos Theoph. Kendziorra hohen Amts konferiert, dessen Amts=Verwaltung unsere Chronik nicht schmückt; denn schon nach 1 Jahre lautete der amtl. Jahresbericht über diesen Zweig des Kommunal=Zustandes nicht löblich. Hierauf wurde zwar nichts Ernstliches veranlaßt, aber einige in der Weihnachts=Frühpredigt von Kendziorra eingeflößten, ungebührlichen Reden und unanständigen, die Gemeinde beleidigenden Ausdrücke fachten den glühenden Funken zur Flamme an. 36 Bürger erhoben Klage über ihn und im Jahre
 

1827

wurde vom Konsistorio eine förmliche Untersuchung anhängig gemacht, deren Erfolg noch abzuwarten ist. -- Nach der für dieses angefangene Jahr erfolgten Zählung ist die Zahl der Einwohner auf 1.118 Seelen gestiegen. Die Kommune befand sich schon wegen Senkung der nach der Allerhöchsten Kabinettsordre vom 25. July 1822 pro 1825 mit 1/8, pro 1826 mit 1/2 und pro 1827 mit 3/4 abgezogenen Kompetenz=Geldern, deren die Stadt bisher jährlich 222 Rthlr. 4 Sgr. 10 Pfg. bezog, in Verlegenheit, aus der sie durch die Wiederbewilligung jedoch auf unbestimmte Zeit gehoben wurde. -- Der Beitrag zu den vorjährigen Brandschäden der Provinz trifft auf die Stadt mit 1.272 Rthlr., zu deren Bezahlung höchsten Orts eine dreijährige Frist bewilligt ist. Neben diesem sind jedoch noch die Fünftheile der Feuer=Sozietäts=Beiträge vom Jahre 1822, von welcher auf Bialla allein 2.781 Rthlr. repartirt sind, abzuführen. Dies ist der Ruin der städtischen Gutsbesitzer, und die Veranlassung so vieler Subhastationen. In Bialla allein sind seit dem Jahre 1823 -- 17 Häuser Ackergrundstücke öffentlich subhastirt worden, von welchen 4 wegen Mangel an Käufern sequestrirt werden mußten.

Eine Merkwürdigkeit dieser Stadt verdient noch Erwähnung. Am 15. May 1827 feierte der Rathmann Johann Carl Sczierba, mit seiner Gattin Anna Sophie, geborene Baatz, im Kreise ihrer Kinder und Enkel und der von ihnen eingeladenen Honoratioren, so wie der Tuchmacher Albrecht Masanek mit seiner Gattin Anna geb. (Name fehlt! D. Verf.) am dritten Weihnachtsfeiertage ihr 50 jähriges Hochzeits=Jubiläum. Beide Feierlichkeiten verherrlichte der Diaconus v. Szamborski durch wortenreiche Reden, welche für das zweite Paar unter Begleitung fast aller Einwohner in der Kirche gehalten, und diese Feier abends noch auf Kosten gemeinsamer Beiträge fröhlich beschlossen wurde. - Beide Jubel-Paare fühlten sich durch die Segenswünsche ihrer Kinder, Enkel und Urenkel und Freunde beglückt und wurden später von Sr. Majestät - Sczierba mit 20 Rthlr. und Masanek mit 50 Rthlr. beschenkt, welche derselbe, da alle seine Sprößlinge sich dem Tuchmachergewerbe gewidmet haben, zum Ankauf von Wolle verwenden soll. Beide Paare verdienen den Nachruf einer strengen Rechtschaffenheit und musterhaften Verhaltens sowohl im bürgerlichen als ehelichen Leben.

So wie obige Denkwürdigkeit unsere Einwohner erfreute, ebenso betrübte sie der Fall des Anno 1813 angestellten und in dieser Chronik erwähnten Justiz=Amtmanns Wilhelm Kuspiel. Die Strenge der Gerechtigkeit übte auf erfolgte Klage ihre Rechte aus. Er ist auf halbes Gehalt suspendirt und schwebt jetzt in Untersuchung.
 

1828

In diesem Jahre erschien das Erkenntnis (Urteil) Kuspiel und setzte ihn in erster Instanz nicht allein ab officio, sondern verurtheilte ihn noch für ausgeübte Pflichtwidrigkeiten zu einer, dem Magistrat unbekannten Strafe, welche aber auf die Vertheidigung des Verurtheilten in zweiter Instanz niedergeschlagen wurde. Auch ist ihm darin die Hoffnung zu Erlangung eines Postens nicht benommen werden. In Kuspiels Stelle trat gleich nach dessen Suspension der Ober=Landes=Gerichts=Referendar W. Kühn, der im Jahre
 

1829

zum wirklichen Richter hierselbst ernannt wurde.

Wie wir schon in unserer Chronik erwähnt haben, hat sich die Gemeinde bei der Allerhöchsten Unterstützung zum Aufbau ihres Kirchenthurms entschlossen. Dieser begann durch den Entrepeneur Kaufmann Gaßner. Das Werk ging rasch -- vielleicht zu rasch -- vorwärts; denn am 13. Aug. als der Thurmbau schon über 60 Fuß hoch gediehen war und gerade an dem Abende einer vom Entrepeneur gegebenen Hochzeit stürzten um 10 Uhr Abends die neuen Mauern in sich zusammen. Man denke, welchen furchtbaren Schrecken das Krachen dieses Sturzes unter uns verbreitete. Doch wurde dadurch weiter garnichts beschädigt, obgleich die Maurer noch an demselben Tage ihr Werk fortgesetzt haben. -- Bald darauf erschien eine Regierungskommission, welche die Sache untersuchte, in Folge dessen die Kgl. Regierung den p. Gassner zum Wiederaufbau desselben verurtheilt hat.

Erwähnenswert ist in dieser Chronik, welchen Nutzen die Torfgräbereien dieser Stadt gewähren. Zwar sind seit der 25jährigen Benutzung diese Naturproduktes ihre vielen Torfäcker sehr verbraucht, doch geben die Stellen, genannt Polken, bei Ruhden und Stegnen, besonders aber die Torfstellen der anliegenden Dörfer Konopken, Pawlowczinnen, Kozuchen usw. unsern Einwohnern noch so viel Torf, daß sie hinreichendes Heizungs Material davon haben.

Bei der seit dem Jahre 1822 hier eingeführten Besteuerung zur Aufbringung des Kommunal=Bedarfs nach dem Vermögen und Einkommen der Einwohner, was unbezweifelt das beste Steuersystem ist, haben sich jedoch im Verlauf der Zeit mancherlei Mängel bewiesen, die eine Reform der bisherigen Steuerverfassung nothwendig machten; diese ist von der Kommune dahin beschlossen, daß jeder Besitzstand und jedes Gewerbe separat geschätzt und darauf besteuert wird. Dieses wurde, freilich unter vielen Widersprüchen im Jahre
 

1830

eingeführt und hat dem Zweck gut entsprochen. -- Hierbei findet Scribent auch Veranlassung etwas über den Betrag der städtischen Aus- und Abgaben zu sprechen. Wir wollen Sie vom letzten 1829sten Jahre nehmen. Die Stadt Bialla hat

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4.
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zur Bestreitung ihrer eigenen Communal=Abgaben
und Verwaltungsetat laut dem Communal=Etat pro 1829  .........
die Kirchlichen Ausgaben betragen  ..................................
die Schulkasse hat ausgegeben  ......................................
die Feld= und Hirtenkasse  ............................................
betragen die im Jahre 1829 gezahlten Feuersozitäts-
Beiträge monatlich das 4te Fünftel p. 1822
das 3te Drittel p. 1826 und das ganze p. 1828  .....................
die Klassensteuer belief sich auf  .....................................
die Gewerbesteuer auf  ................................................
die Branntweinsteuer  ..................................................
die Brausteuer ..........................................................
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Dieses beträgt zusammen  ............................................


1.224 Rthlr.
54 Rthlr.
168 Rthlr.
201 Rthlr.

 
1.210 Rthlr.
522 Rthlr.
138 Rthlr.
4.742 Rthlr.
363 Rthlr.
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8.622 Rthlr.

welche dieses fast 1.000 Seelen umfassende Städtchen außer anderen Abgaben z. B. Stempel, Porto usw. baar verausgabt. Es ist fast zu bewundern, woher dieses Geld bei der geringen Verfassung herkommt. Die Branntweinbrennereien, die Wochenmärkte und der fast unbemerkbare Schleichhandel mit Polen geben dem Städtchen allein einiges Leben.

Nach dreijähriger Dienstzeit wurde der Prediger Czamborski (Szamborski) nach Ostrokollen versetzt und im Januar 1830 trat der Candidat der Theologie Friedrich Henke in dieses Amt. Während dessen bestimmte auch daß gegen den Pfarrer Kendziorra ergangene Erkenntnis ihn zur Pension. Doch ereilte ihn bald eine Krankheit, die ihn kurz vor dem Eintritt in das Pensions=Gehalt in ein anderes Reich berief. Ihm folgte im Amte der bisherige Prediger Gustav Willamowski aus Rhein. Alles war auf diesen gespannt. Alles hoffte von ihm Ersatz für die Vergangenheit, in welcher man die Kirche entbehrt hatte.

Im Sommer dieses Jahres brachen hier und ganz besonders in mehreren Orten der Umgegend die Menschenblattern aus, welche trotz der Schutzblattern-Impfung auch hier einige Personen hinrafften.

Lange schon hat unsere Stadt kein Militair gehabt, bis endlich die im Anfange des Decbr. 1830 in Polen ausgebrochenen Insurektionen ein Grenzbesätzungs=Commando von 12 Mann Dragoner aus der Garnisons Stadt Insterburg herführte, welches im Januar
 

1831

durch ein Commando von 10 Mann Landwehr=Cavallerie abgelöset wurde. Außer diesem Militair ist auch hier jeder Landwehr Mann 2ten Aufgebots mit einem Gewehr und 30 scharfen Patronen bewaffnet, um räuberischen Einfällen der Polen zu begegnen. - Später wurde diese Landwehr Cavallerie mit einem Offizier, 2 Unteroffizieren und 13 Mann verstärkt. Dieses Commando blieb bis zum 26. Juli und hinterließ dann blos zu Ordonanzen 4 Mann. - Am 1. August rückte wiederum von der Landwehr=Uhlanen Escadron ein Unteroffizier mit 9 Mann ein, welche bis zum 29. desselben Monats hier standen. Diese gingen ab und in die Stelle marschierte eine Compagnie Landwehr Infantrie aus 3 Offizieren und 171 Mann bestehend ein; aber auch diese verweilte nicht lange, sie stellte sich hart an der polnischen Grenze auf. - Am 14. Juni wurde durch eine Compagnie Linie Truppen die Landwehr von der polnischen Grenze abgelöst. Das genannte Militair von der 5ten Compagnie 3ten Infanterie Regiments rückte am 21. September zur Beziehung der Winterquartiere hier ein, mußte aber am 25ten desselben Monats den Ort verlassen, weil es zur Abwehrung der Cholera, die in Lyck ausgebrochen war, zur Cordon Ziehung commandiert wurde. - Am 29ten September rückte eine Escadron von dem litthauischen Dragoner Regimente aus 4 Offizieren und 82 Mann bestehend hier ein, sie glaubten den Winter hindurch zu verweilen, allein schon am 22ten October mußten sie heraus und zu ihrer Garnison nach Insterburg marschieren. - Nun hat seit dieser Zeit kein Militair weder hier noch in der Umgegend gestanden.

Als die Kaiserl. Russ. Truppen in Polen bei Augustowo im Februar einrückten, äußerte sich unter ihnen die sogenannte Cholera morbus, steckte die Polen an und mehrere preußische Truppen bezogen, wie schon erwähnt, einen Pest Cordon, nach dem Edikt vom Jahre 1770, der ohngeaehtet der eingerichteten Quarantaine Anstalt im Johannisburger Kreise in Dlotowen (Dlottowen) nicht entsprach. Ein paar Monate darauf, Anfangs Juli, äußerte sich die Cholera in Preußen, man sperrte hie und da Dörfer, Städte, Gegenden, zuletzt nur Häuser und Zimmer. Bialla blieb von dieser Krankheit verschont.«

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Die Stadtchronik berichtet dann weiter über die von der Cholera in der Provinz heimgesuchten Städte und das durch Lieferungen für die russischen Truppen in Polen bedingte Steigen aller Lebensmittel. Eine interessante Notiz finden wir dann über die Bestattung des russischen Generals Dibitsch, der in der Schlacht bei Ostrolenka gefallen war. Seine Leiche wurde einbalsamiert und in dem auf dem Gute Dlottowen errichteten Grabgewölbe vorläufig beigesetzt. Die zu jener Zeit als Grenzkommando in Dlottowen stehenden Rastenburger Feldjäger hielten an dem Grabe dieses durch die Konvention von Tauroggen uns besonders bekannt gewordenen Generals die Ehrenwache, bis am 20. August seine Leiche über Kumilsko und Bialla unter feierlichem Glockengeläut und geleitet von einem zahlreichen russischen und preußischen Trauergefolge nach Petersburg überführt wurde.

Im Herbste dieses Jahres begann man mit dem Bau des eingestürzten Kirchturmes, unterbrach jedoch den Winter über die Arbeiten daran und fuhr im Frühjahr 1832 mit dem weiteren Aufbau fort. Er wurde aus »besonderen Gründen« in diesem Jahre jedoch nur bis zu Zweidritteln seiner tatsächlichen Höhe aufgeführt und erst im Jahre 1834 fertiggestellt. - Der Entwurf des wuchtigen, 23 Meter hohen Turmes stammt, wie noch nicht allgemein bekannt sein dürfte, von Schinkel. Er erhielt ein Zeltdach, den eine Wetterfahne mit Adler, die noch aus dem Jahre 1763 stammt, krönte. Unter großer Beteiligung der Bürger wurden die drei oben beschriebenen Glocken im Oktober von dem Wirth Skok aus Belzonzen in dem Turm aufgezogen.

Die Bevölkerung zählte im Jahre 1833 - 1.112 Seelen, »worunter 131 Bürger und 130 Schutzverwandte« sich befanden. Die finanziellen Verhältnisse werden als schlecht bezeichnet; die Stadt hatte 2.977 Rthlr. 18 Sgr. 10 Pfg. an Abgaben aufzubringen. - In diesem Jahre wird auch in Bialla die erste »Medicin Apothequea« durch Wilhelm Herrmann Mahlke aus Baerwalde in Hinterpommern eingerichtet. Ebenso stellte die Stadt Siemon Gereke mit 50 Rthlr. jährlich als Armen=Arzt an. Von ihnen wird gesagt, daß es »achtungswerthe Männer seien, haben das Vertrauen und die Liebe der Stadt für sich, dahero die Stadt bei dem Medicinal=Wesen gevorteilt hat und wie bisher nicht in Besorgnis leben« braucht. Interessant sind auch noch die Mitteilungen, die uns über die Polizeiorgane aus diesen Jahren gemacht werden. Die sogenannte Sicherheitswacht bestand aus einem Bürger-Offizier, vier bewaffneten Bürgern und einem Nachtwächter. Sie unterstanden dem Bürger=Capitain, der die Aufsicht führte und den Dienst verteilte. Außerdem befanden sich noch zwei Gendarmen in der Stadt. - Erwähnenswert ist schließlich noch, daß am 8. Juli 1832 der Bürgermeister Kühnast starb. Interimistisch vertrat ihn der Stadtkämmerer Ludwich, der auch endgültig zu seinem Nachfolger gewählt und durch den damaligen Vertreter des Landrats, Leutenant Dziobek, in sein Amt eingeführt wurde.

Die Nachrichten der nächsten Jahre werden dann immer dürftiger und unzusammenhängender. - Wir können 1835 ein epidemisches Auftreten der Blattern in Bialla feststellen, an denen zuerst am 15. Januar der am Ort besuchsweise anwesende Referendarius Meyke und ein Knecht Sakowski erkrankten. Am 27. Februar erkrankte der Oberlands=Gerichts=Referendarius Behrendt, dem die Leitung des Stadtgerichtes übertragen war. Dann am 1. März eine Auguste Brodowski, am 2. März Wilhelm Lubienetsky, am 6. März Johann Zimnewitz, am 22. März ein Sohn des Böttchers Albin, am 18. Mai der Schreiber Degenhard. Alle Erkrankten mit Ausnahme des Referendars Meyke und des Schreibers Degenhard sind an den Blattern gestorben.

Neben kleineren verschiedenen Bränden und Unglücksfällen werden dann nur noch verschiedene Neu- und Umbauten massiver Gebäude gemeldet. 1837 tritt wieder die Cholera auf und starben von 63 Erkrankten 32 Menschen. Dann ist uns nichts Bemerkenswertes mehr überliefert, wir finden nur den nüchternen Vermerk noch, daß die alten Akten beim Abbruch des alten Rathauses 1907 als »Altpapier« an Kaufleute und Handwerker des Ortes veräußert worden sind. --- Viele uns für die Geschichte der Stadt sehr wertvolle Nachrichten auch aus schon weiter zurückliegenden Zeiten sind damit unwiederbringlich verloren gegangen. - Derartige bedauerliche Kurzsichtigkeiten waren aber damals allgemein und wenn wir uns auch heute mit dem Geschehenen abfinden müssen, so ist hier doch wohl im Interesse der zukünftigen Forschung die Bitte an die heutige Generation am Platze, alle sich noch häufig in Privatbesitz unbeachtet befindlichen alten Akten, Urkunden und Schriften an den hierfür in Frage kommenden Amtsstellen, am besten im Staatsarchiv in Verwahrung zu geben. Man kann dadurch sehr viele wertvolle Nachrichten der Nachwelt erhalten.

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XIII. Kapitel

Ausklang.

Was jetzt noch über die weitere Entwicklung unserer Stadt zu berichten übrig bleibt, ist wenig genug. In unzusammenhängenden Bruchstücken dem Verfasser verfügbar, muß es einer späteren Arbeit vorbehalten bleiben, lückenlos die letzten fünfzig Jahre des 19. Jahrhunderts zu schildern. - In der neuesten Zeit geht in friedlichem Vorwärtsschreiten die Entwicklung eines kleinen Gemeinwesens in den großen Ereignissen der Weltgeschichte unter. So bleibt uns nur ein flüchtiger Rückblick und auch dieser kann als solcher nur wenig befriedigen.

Von den ereignisreichen Jahren 1848, 1864, 1866 und 1870/1871 hat Bialla wohl nicht mehr und nicht weniger verspürt, als die anderen Kleinstädte Preußens auch. Vielleicht sind die Jahre der großen deutschen Einigungskriege für den Ort, dank seiner abgelegenen Lage, noch weniger fühlbar geworden. Vergleichen wir die Zahl der Namen auf den Ehrentafeln der Gefallenen aus den Feldzügen 1866 und 1870/1871 mit den um das Vielfache zahlreicheren Opfern des Weltkrieges, die das Heldenmal auf dem Marktplatz der Nachwelt überliefert, so werden wir einen ungefähren Maßstab haben, für die Auswirkungen dieser Ereignisse auf den Ort und seine Bewohnerschaft. - Uns melden die in der Kirche einen Ehrenplatz einnehmenden Tafeln, die der Kriegerverein 1906 nach dem Wortlaut der alten anbringen  ließ, außer den schon genannten Gefallenen der Befreiungskriege:

»Es starben den Heldentod für König und Vaterland in den Feldzügen

1866

Füs. Jorezyk und Specka

1870/1871

den Heldentod für Kaiser und Reich starben:

Gefr. Jeschonneck, Johann Kruska,
Füs. Kalinka, Choscz und Korittka

Das ist alles, was uns aus jenen stolzen Jahren am Orte erhalten ist. Hier fehlt es zu sammeln und zusammenzutragen die Erzählungen der alten Bürger, die sich auf besondere Ereignisse jener Feldzüge noch sicherlich entsinnen, oder deren Väter ihnen davon erzählten, wie man in Bialla die Eindrücke jener Jahre in sich aufnahm. -

Hören wir weiter, was uns noch über das erste Wahrzeichen der Stadt, die Kirche, mitgeteilt wird. Mach der Fertigstellung des neuen Kirchturmes erhielt er eine eiserne Turmuhr mit einem Zeiger. Diese Turmuhr gab durch Hammerschläge an die Glocken die Stunden an. Trotz der zentnerschweren Gewichte und vieler Reparaturen blieb sie aber 1875 endgültig stehen und wurde dann, als man 1890 die neuen Glocken aufzog, beiseite gestellt. Die große Glocke, die Spende der Königsberger Landsleute, war beim Trauergeläute um den verstorbenen Kaiser Wilhelm I. 1888 geborsten. Am 30. Juli 1917 mußten die beiden größten Glocken abgenommen und dem Kriegsamt zur Verfügung gestellt werden. jetzt läuten drei Gußstahl-Glocken der Gemeinde, da Bronzeglocken des hohen Preises wegen nicht angeschafft werden konnten. Die jetzigen Glocken kosteten 16.050 Mark, welcher Betrag größtenteils durch Sammlungen aufgebracht wurde. Sie wurden am 13. November 1921 geweiht und tragen folgende Aufschriften

  1. Glocke :
 
2. Glocke :
 
 
3. Glocke :
 

»Ein feste Burg ist unser Gott«
 
»Ueber der Heimat liegt Not und Leid,
Herr, laß mich künden bessere Zeit«
 
»Im Krieg als Opfer dargebracht,
bin ich durch Opfer neu erwacht.«

Mit der im Jahre 1885 erbauten Eisenbahn Johannisburg--Lyck wurde Bialla an das Eisenbahnnetz angeschlossen, ein Ereignis von großer wirtschaftlicher Bedeutung für die Stadt, dessen segensreiche Folgen auch bald die weitere Entwicklung des Ortes beeinflußten. Nach jeder Richtung verkehrten wöchentlich nur drei Züge. Die Postsachen für die Stadt wurden damals durch einen, für das Land durch 2-3 Briefträger bestellt, welche erst nach 2-3 Tagen von ihren Bestellgängen zurückkehrten.

Hatte Bialla in der Zwischenzeit durch Feuersbrünste oft und viel gelitten, vernichtete im Jahre 1898 ein großer Brand sämtliche Gebäude der Kehrwieder-Straße bis auf zwei Gehöfte und der Johannisburger-Straße bis zum Marktplatz. Bei einem fürchterlichen Sturm war die im Nordwesten der Stadt stehende Windmühle (Zander) in Brand geraten. Flugfeuer setzte außerhalb der Stadt stehende Strohhaufen und diese die Stadt selbst in Brand. Man fürchtete schon, daß sich das Feuer auf die ganze Stadt ausdehnen würde und hielt sie für verloren. Schon hatte man die Johannisburger Feuerwehr zur Löschhilfe herangerufen und auch bereits die Lycker Wehr alarmiert, als mit Nachlassen des Sturmes die Gefahr vermindert wurde und das Feuer auf die genannten Straßenzüge beschränkt werden konnte.

Im Jahre 1888 endigte die heutige Bahnhofstraße mit dem jetzt Paschreit'schen Grundstücke. Auf dem Platze, auf dem jetzt das neue Gerichtsgebäude erbaut worden ist, standen damals Scheunen, die durch den Krieg verschwanden. Ebenso war zu jener Zeit die Senkung, in der heute das Richterhaus steht, ein Schuttabladeplatz. Später ließ der Verschönerungsverein den Platz räumen und mit Bäumen bepflanzen. Der Volksmund nannte ihn boshaft das »Verschönerungsloch.« -Und da wir nun einmal bei volkstümlichen Lokalbezeichnungen sind, können wir hier auch noch einige weitere gebräuchliche Benennungen anführen. Da ist der »Bikowo«; ein Teil des Bongart'schen Grundstückes, im Südosten der Stadt gelegen, mit Garten und Teich. Hier feierte man nach der Gründung des Schützenvereins 1876 die ersten Schützenfeste. Ueber die Entstehung des Namens hört man sagen, daß er von einem Bullen herrühre, der in dem Teich ertrunken sein soll. - Dann haben wir noch die »Przyrowka« nicht zu vergessen, den durch die Stadt führenden Abzugsraben des Mühlenteiches, der bei sengender Sommerglut keine besonders angenehmen Düfte verbreitet. Und schließlich seien noch das «Philosophenviertel,« der »Katzensteg« und das »Töpferende« als humorvolle und auch heute noch gebräuchliche Bezeichnungen für gewisse Straßen in die Erinnerung zurückgerufen. -

In die Erinnerung, in die Vorstellung zurückrufen, das ist auch einer der Zwecke dieser anspruchslosen Arbeit, die zum ersten Male die geschichtliche und wirtschaftliche Entwicklung Biallas zusammenzufassen versucht. Erreicht sie nur dieses, dann ist ihr Zweck schon voll erfüllt. Wecken soll sie das Interesse der einheimischen Bevölkerung an dem Schicksal ihrer Stadt, zeigen soll sie dem Bürger in großen Zügen wie seine Stadt wurde, ein wenig Romantik soll sie dem Kinde geben um seine liebe, alte Vaterstadt.

Aus kleinen Anfängen, in wildem, menschenleeren Land, enstand durch harten Fleiß von Generationen das Dorf auf der Gaylen, wuchs unter dem Schweiße schwer arbeitender und sorgender Vorfahren die Stadt. Nie war sie von der Gunst des Glückes besonders bevorzugt und doch wuchs Bialla, trotz Armut und Not, langsam doch stetig in fünfhundert Jahren zu einem stattlichen Gemeinwesen. Mit der Liebe zur Vaterstadt, mit der Liebe zur Heimat in den Herzen seiner Bürger steigt auch Bialla in seiner weiteren Entwicklung noch weiter empor

zu glückhafter Zukunft!

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Quelle:
Text auch abgedruckt im Chronik Sammelband Arys - Bialla - Drygallen - Groß Rosinsko,
Selbstverlag der Kreisgemeinschaft Johannisburg / Ostpr. 1982, Seite 111-192,
Das Buch ist leider nicht mehr lieferbar.

 

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Stand: 23. September 2017