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Die Stadt
 

 
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Johannisburg in Ostpreußen

 
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Festschrift zur Feier des 500jährigen Bestehens
von Bialla Ostpr.  1428 - 1928

  
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Die Geschichte der Stadt Bialla
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Die Entstehung des Ortes

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Die Stadt Bialla
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Allgemeines über Ihre Anfänge und die Stadtgerechtigkeit

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Die ersten beamten der Stadt

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Allgemeine wirtschaftliche Entwicklung

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Die Kirche

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Die Schule

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Kriegerische Ereignisse am Ende des 18. Jahrhunderts

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Bialla von 1800 bis zur Jahrhundertwende

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Die Stadt Bialla.

  

V. KAPITEL.

Allgemeines über ihre Anfänge und die Stadtgerechtigkeit

Es ist bekannt, daß König Friedrich Wilhelm I. (1713-1740) bald nach seinem Regierungsantritt u. a. seine besondere Fürsorge den kleinen Städten Preußens und insbesondere den an der polnischen Grenze gelegenen widmete. Er Hatte sich auf einer Reise durch Masuren selbst von ihrem zum größten Teil recht elenden Zustande überzeugt und war nun mit allen Mitteln bestrebt, ihre jammervolle Lage zu verbessern. Auch auf die Vermehrung der Städte war der Fürst bedacht und erklärte in dem Patent vom 26. März 1722, daß er sich entschlossen hätte, den großen Marktflecken Stallupönen, Ragnit, Tapiau, Bialla und Nikolaiken "Stadtgerechtigkeit" zu verleihen. Diese für unsere Stadt so wichtige Cabinets-Order lautet wörtlich:

   
 

An das preuß. Commissariat, daß S. Königl.
Majestät allergnd. resolviret
, einige große

Flecken zu Städten zu declarieren.

Friedrich Wilhelm, König in Preußen. Unsern . . . etc. Euch ist bereits bekannt, welchergestalt Wir in Ueberlegung gezogen, ob nicht in Unsern Königreich Preußen noch einige Städte angeleget, auch etliche von denen daselbst befindlichen großen Flecken zu Unsern, und des gemeinen Landes Interesse zu Städten declarieret werden könnten.

Nachdem Wir nun Eure desfals gethane Vorschläge näher erwogen: So haben Wir in Gnaden resolviret, nachbenannte Orte als

Stallupönen, Ragnit, Tapiau, Bialla und Nikolaiken vorerst mit Stadtgerechtigkeiten zu versehen, auch damit dieselben bald mit mehreren Einwohnern besetzt werden mögen, in faveur derer Neuanbauenden folgendes allergnäd. zu accordiren und zwar

  1. Soll denenjenigen, so sich in diesen neuen Städten anbauen wollen, ein Platz zum Hause nebst einem Stück zum Garten nach Gelegenheit des Ortes, ohne entgeldlich angewiesen, auch

  2. denenselben zum neuen Anbau gewisse Bau=Freyheits= Gelder und zwar bis 30 p. Ct. wann sie des Anbaues halber Sicherheit gestelltet, oder zum Bau einen guten Anfang gemacht haben, baar bezahlet, auch

  3. noch überdem einige Frey=Jahre von denen bürgerl. Oneribus accordiret werden.

Es ist dabey weiter Unsere allergnädigste Intention, daß diese neue Stadt denen übrigen kleinen Städten in allen Stücken gleich tractiret auch die Consumtions-Accise daselbst introduciret werden soll, sobald man findet, daß bey vermehrter Zahl derer Bürger solches fügl. und ohne Schaden geschehen kann.

Bis dahin aber muß es überall in statu quo, und bey denen itzigen praespandis bleiben.

Was aber insonderheit diejenigen Praestanda betrifft, welche Unsere preuß. Domainen=Casse von erwehnten Flecken bishero einzunehmen gehabt: so soll es damit also gehalten werden, daß dieselben nach dem gegenwärtigen Fuß angeschlagen und festgesetzet, auch nach introducirter Accise aus derselben Casse jedesmal pro fixo bezahlet und dergestalt ohne alle Alteration und Erhöhung continuiret werden sollen. Die in vorerwehnten Orten itzo vorhandene Krüger, so die Bau-Nahrung titolo eneroso erhalten bleiben bey sothanen ihren Privilegiis, bis mit der Zeit bey vermehrter Zahl derer Einwohner, nötig seyn möchte, noch einige Brau Häuser mehr anzulegen. Wir befehlen Euch also hiedurch in Gnaden,  die zu dieser Sache etwa nötige Patenta und Orders zu entwerfen, daß die itzo auf dem Lande ohne Befugniß wohnende Handwerker, nach diesen neuen Städten gezogen, auch fremde sich darinnen anzusetzen, alliciret werden mögen, dagegen aber auch zu praecaviren, damit nicht etwa von denen in Unsern Landen mit eigenen Häusern schon angesessenen Leute dieselben verlassen, und unter Hoffnung einiger Frey-Jahre oder Bau-Freyheit sich nach denen neuen Städten begeben, als denen Wir dergleichen im geringsten nicht zu accordieren gemeynet sind.

      Seynd, p Berlin den 26. Mart 1722
      An das Preuß. Commissariat.
     
(gez.) F. W. v. Grumkow  (gez.) E. B. v. Creutz  (gez.) Kraut

   

Ein gleiches Patent vom 6. April 1722 fordert zur Siedlung von Bürgern in jenen fünf Städten auf und erwähnt die Vorteile, derer die neuen Bürger teilhaftig werden würden. Auch dieses Patent sei hier wiedergegeben:

   
 

Patent, betreffend die Immunitäten und Freyheiten, so
Se. Königl. Majestät denenjenigen, welche sich in denen
Pr. Städten Stallupöhnen, Tapiau, Ragnit, Bialla und
Nikolayken possessionirt machen wollen zu accordiren
allergnädigst gemeynet sind.

Demnach Se. Königl. Majestät in Preußen und Unser allergnädigster Herr in Gnaden resolviret, denen Markt=Flecken Stallupöhnen, Ragnit, Tapiau, Bialla und Nikolayken die Stadt=Gerechtigkeit, mithin die Freyheit, Handel und Wandel, auch allerhand bürgerliche Nahrung, Handwerck und Profession darinnen zu treiben, beyzulegen, und solche wegen der Jurisdiction und Policey auf gleichen Fuß derer übrigen Städte des platten Landes in dero König=Reich Preußen tractiren zu lassen:

So haben dieselbe durch dieses offene Patent jedermänniglich zu wissen fügen wollen, wie allen denenjenigen Einheimischen oder Fremden, welche in besagten neuen Städten sich anbauen wollen, nebst dem freyen Bürger= und Meister=Recht ein Platz zum Hause nebst einem Stück Acker zum Garten, nach Gelegenheit jeden Orts und eines jeden Nahrung, unentgeldlich angewiesen, auch denenselben zum neuen Anbau gewisse Bau=Freyheit= Gelder, und zwar bis 30 p. Ct., wann Sie des Anbaues halber nöthige Sicherheit gestellet, oder zum Bau einen guten Anfang gemachet haben, baar bezahlet, auch noch überdem drey Frey=Jahre von Einquartierung und Servies, auch allen übrigen bürgerlichen Lasten accordiret werden sollen.

Diejenigen nun, so in mehrgedachte neue Städte sich anzubauen und anzusetzen Belieben tragen, haben sich bey Unserm Preuß. Commissariat in Königsberg, oder bey dem Steuer=Raht, oder auch bey dem neu zu bestellenden Bürger=Meister des Ortes zu melden, da Ihnen dann sofort, nach befundenen Umständen die Bau=Stelle und der Platz zum Garten durch den Steuer=Raht und Commisarium loci angewiesen, auch durch denselben die obversprochenen Bau=Freyheits=Gelder, wenn die erforderte Sicherheit, wegen des Anbaues gestellet ausgezahlet werden sollen.

Anbey wird denen aufm platten Lande in anderen Dörffern befindlichen, und daselbst nicht zu duldenden Handwerckern erlaubet, in diese neue Städte sich zu begeben, woselbst Ihnen freyes Bürger= und Meister=Recht, auch wann Sie nur bey andern Einwohnern daselbst sich einmiethen, dennoch drey Frey=Jahre von Accise und allen übrigen bürgerlichen Lasten gegeben, denen Woll=Arbeitern auch überdem nöthiger Verlag und Arbeit durch besondere desfals aufzusuchende Kauff=Leute verschaffet werden wird. Und ob zwar die Brau=Nahrung darinnen zu treiben, noch zur Zeit keinem als denen darin bereits befindlichen Brau= Krügern gestattet werden kann: So soll doch künfftig, wann diese neue Städte mit Einwohnern mehr besetzet und angebauet seyn werden, nach Proportion der neu angekommenen Bürger, auch denen, welche dazu die bequemste und vor Feuers=Gefahr sicherste Häuser erbauet haben werden, nach und nach eine Brau=Gerechtigkeit concediret und beygeleget werden; Indessen bleibt dennoch denen neu anbauenden Bürgern, welche das Brandtwein=Brennen in ihren neuen Häusern, vor Feuers=Gefahr sicher treiben können, solches, gegen Erlegung der Accise, zu thun frey und unverbothen, ihren Brandtwein in und außer denen neuen Städten, Tonnen= und Quartweise zu verzapfen oder zu verstellen.

Signatum Berlin, den 6. April 1722
(gez.) Kraut     (gez.) F. W. v. Grumkow.

   

Unser Bialla scheint sich demnach von den schweren Schicksalsschlägen der letzten Jahrzehnte recht bald erfreulich erholt und schon so schnell wieder bevölkert zu haben, daß es ein »großer Flecken« genannt werden konnte. Nun wird man sich darunter keine übertriebenen Vorstellungen von der Größe und der Einwohnerzahl des Ortes zu machen haben. Es werden nur gegen 500 Seelen gewesen sein, die die Bewohnerschaft Biallas um das Jahr 1720 ausmachten. Immerhin muß Bialla unter den damaligen Verhältnissen schon mit stattlichem Maße zu messen sein.

Der Städteverfassung, der Jurisdiktion, der Stadtwappen und dergleichen erwähnen die angeführten Patente mit keiner Silbe oder nur insofern, als die neuen Städte hinsichtlich der Jurisdiktion und Polizei »denen übrigen kleinen Städten gleich tractiret werden sollen.« Um nun die Verwaltung des Polizei- und Justizwesens in den Landstädten zu vereinfachen und zu verbessern, befahl der König am 12. Juni 1723 die Kombination der Magistrate und Gerichte in denselben. Bialla gehörte, wie fast alle masurischen Städte, zu der sogenannten »dritten Klasse.« Das kombinierte Magistratskollegium bestand bei ihr demnach aus 8 Mitgliedern; dem Bürgermeister, dem Richter und 6 Ratsverwandten oder »Assessoren«. Besonders zu bestellen waren dann noch ein Stadtkämmerer und ein Stadtschreiber. --  Der Bürgermeister wurde ursprünglich mit Stimmenmehrheit von den Bürgern gewählt, von dem Amtshauptmanne bestätigt und sodann vor dem Altar eidlich verpflichtet. Es blieb dann auch später die Wahl des Bürgermeisters und zwar mittels schriftlicher Abstimmung sämtlicher Bürger bestehen, doch erfolgte die Bestätigung nicht mehr durch das Hauptamt, sondern der Amtsverweser und der Kriegsrat als Commissarius loci berichteten zwecks Approbation an die Kriegs- und Domänenkammer.

Für Bialla erscheint es überhaupt fraglich, ob dort schon nach der Verleihung der Stadtgerechtigkeit -- wenn man die angeführten Patente und Reglements gleichermaßen als städtische Handfesten auffassen will -- jedenfalls schon im Jahre 1722 die städtische Verfassung gleich eingeführt worden ist. Möglicherweise ist das erste Jahr als ein Uebergangsjahr zu betrachten, in dem das Schulzenamt die städtischen Geschäfte, die sich gegen die des Fleckens ja kaum verändert haben werden, vorläufig noch weiterführte. Es wird 1722 kein Name des ersten Bürgermeisters von Bialla genannt, sondern im August dieses Jahres lediglich ein Richterkollegium bestellt. Der in diesem als Richter aufgeführte Friedrich Jacobsohn finden wir aber schon in den nächsten Jahren als Bürgermeister der Stadt genannt. Nach dem erwähnten Reglement vom 12. Juni 1723 wird also der bisherige Richter auch Bürgermeister geworden sein. Eine Kombination, die große Wahrscheinlichkeit für sich hat.

Um nun noch auf das Stadtwappen von Bialla zu sprechen zu kommen, so muß hier mit Bestimmtheit festgestellt werden, daß Bialla bei seiner Erhebung zur Stadt ein eigentliches Wappen nicht erhalten hat. Als in der Folgezeit von einer der fünf neuen Städte die Frage wegen eines Ortssiegels bezw. Städtezeichens zur Sprache gebracht wurde, ist allein die Bestimmung erlassen worden, daß von allem fünf Städten der preußische Adler dazu erwählt werden sollte. Dieser ist denn auch tatsächlich bei den oben genannten Städten für lange Zeit das Stadtzeichen gewesen, jeweils mit dem entsprechenden Städtenamen versehen. Erst später und auch da, soweit es sich feststellen läßt, m. E. selbständig, ist von den einzelnen Städten das eine oder andere der heute gebräuchlichen Wappen eingeführt worden. - So wird es sich auch bei dem heutigen Stadtwappen von Bialla, dem Opferaltar mit dem Aehren unter der Linde, verhalten haben. Ursprünglich der preußische Adler mit dem Stadtnamen als Zeichen, wird das jetzige Wappen im Laufe der Zeit durch irgend welche Umstände in Gebrauch gekommen und zum Stadtwappen erklärt worden sein. Nicht ausgeschlossen erscheint es, daß es sich bei dem heutigen Stadtwappen vielleicht um ein altes Stadtsiegel handelt. Die einschlägigen heraldischen Quellen erwähnen nichts von einem Wappen Biallas und daher wird sein Ursprung und seine eigentliche Bedeutung wohl auch immer unaufgeklärt bleiben.

VI. KAPITEL

Die ersten Beamten der Stadt.

Ueber die Bestellung der ersten städtischem Beamten vorn Bialla geben uns die vorhandenen Archivalien des Staatsarchives zu Königsberg schon aus dem August 1722 Kunde. - Unter dem 18. August nämlich verfügte der König an das Amt Johannisburg:

»Wir geben euch ich Gnaden zu vernehmen, daß Wir bey der Neuen Stadt Biala ein Gerichts Collegium bestellen, und solches mit folgenden Personen besetzen lassen, nehmlich mit

Friedrich Jacobson als Richter
Bernhard Drygalski als Gerichtsschreiber
Martin Kuspiel Schöppenmeister
Christoph Radix erstem Gerichts Verwandt
Albrecht Heinrici zweyten Gerichts Verwandt.

Diesem Gericht haben wir die erste Instance in Justiz Sachen wie solche bey anderen Gerichten üblich beygeleget, . . . . Die Vereydigung vorerwähnter Gerichts=Personen muß in Euerer oder des Amts=Verwesers Gegenwarth vor dem Commissario Loci welcher dieserhalb schon Befehl erhalten, abgenommen werden, und wird ehstens jemand vorn Officio Fisci sich daselbst einfinden, welcher diesem Gericht zulängliche Instruction ertheilen.  . . . . «

Leider fand sich sobald niemand zu der Einsetzung des Gerichtes in Bialla von den beauftragten Amtspersonen ein und auf die Anfrage im November 1722, warum in Bialla noch immer nicht ein Gericht bestellt worden sei, antwortet der damalige Amtshauptmann von Johannisburg, Friedrich Christoph Graf v. Finckenstein, daß weder der »Mandatarius« noch der »Commissarius loci« zur Einrichtung des Gerichts bezw. zur Vereidigung und Belehrung der bestellten Gerichtspersonen erschienen war. -- Die Richterstelle ist denn auch tatsächlich bis 1731 nicht besetzt worden und wurde von dem Magistrat in der Zwischenzeit die Rechtsprechung »in Ermangelung eines ordentlichen Richters« ausgeübt. Inwieweit diese den Beifall der Bürgerschaft fand, werden wir noch erfahren.

Der Magistrat nun ist nach der Erhebung zur Stadt bis 1733 noch immer nicht »complett« gewesen. Es zeichnen in den wenigen aus jenen Jahren vorhandenen amtlichen Schriftstücken dieselben Personen, die oben als zum Richterkollegium bestimmt waren, für den Magistrat. So finden wir Friedrich Jacobsohn als Bürgermeister und können diesen wohl auch als das erste Stadtoberhaupt von Bialla ansprechen, Martin Kuspiel und Christoph Radix als »Rathsverwandte«, zu denen noch ein Andreas Adami hinzukommt. Im Jahre 1733 werden dann noch die Bürger Heinrici, Müller und Neubauer in den Rat erlost und damit scheint, mit Ausnahme des Richters, der Magistrat vollständig gewesen zu sein. -- Die späteren Bürgermeister und Mitglieder des Magistrats sind uns fortlaufend nicht erhalten. Hier fehlen die alten Magistratsakten, die leider nach dem Neubau des Rathauses vollständig vernichtet worden sind. Nur hin und wieder ist aus Unterschriften weniger amtlicher Schriftstücke die Zusammensetzung der jeweiligen Magistrats-Kollegien unvollständig und zusammenhanglos zu folgern. So finden wir:

1757        Fr. Toller (Bürgermeister?), Chr. Salomon, Zernickie,
1760        v. Heiskrieg (Bürgermeister) (?) Dembowski und S. Kobrowski,
1764        Burmeister (Bürgermeister) (?) und Kosowski,
1767        B. Sziepanski (Bürgermeister) (?), Dembowskl und Krantz,
1770/73   G. W. Kreudtner (Bürgermeister), Rossius, Borowy und Dotka,
1783/94   F. Schulzendorff (Bürgermeister), Rossius, Borowy und Anderson.

Es ist interessant zu vernehmen, wie sich in einem Schreiben vom September 1730 der Steuer-Rath v. Tettau aus Airis über die Ausübung der Gerichtsbarkeit in Bialla äußert. Er teilt mit, daß der Magistrat »in Ermangelung eines ordentlichen Richters viele Dinge negligiret auch wohl übergangen werden, und daß umb so vielmehr, als die bestellten Rathsverwandten von schlechter Kapazität sind«. Es müßte zum Richterdienste so bald wie möglich ein »capables Subjektum« gefunden werden. - Dieses schien man nach langem Hin und Heer in der Person des damaligen Stadtschreibers und Accise-Einnehmers David Kotowski gefunden zu haben und vergütete diesem für seine Richtertätigkeit ad interim  »das schon vor mehr als vier Jahren ausgemachte Tractament von 80 Reichsthalern jährlich.« In den vorhergehenden Jahren hat der Rathsverwandte Adami das Richteramt versehen, doch sich gar nicht fähig und geschickt erwiesen. -- Nun konnte aber der allgemein als sehr fleissig und für das Amt geeignet beschriebene Stadtschreiber Kotowski sich nicht lange in Frieden seines neuen Amtes erfreuen. Der Bürger Heinrici wurde von dem Commissarius Fisci Beckher stark favorisiert und hatte schon deshalb begründete Aussicht, die Richterstelle endgültig zu erhalten, als Kotowski ausdrücklich nicht auf seine Einnahme aus seinen beiden anderen Aemtern hatte verzichten wollen. Die mit vielen Schreibereien durchgeführten Streitigkeiten und Differenzen um die Besetzung der Richterstelle wurden erst durch mehrere Eingaben des Magistrats und durch geharnischte Beschwerden einiger Bürger zu Gunsten des David Kotowski entschieden. Endgültig wurde dann im März 1731 bestimmt, daß »ad interim und bis ein anderer tüchtiger Mann sich in Bialla häußlich niederlassen möchte dem David Kotowski verstattet wird, das Richter-Ambt zu führen«.

Aehnliche Schwierigkeiten hatten auch bei der Einsetzung des Stadtschreibers am Orte überwunden werden müssen. Zuerst wurde bei der ersten Einrichtung des Magistrats- und Gerichts-Kollegiums zum Stadtschreiber Bernhard Drygalski vorgeschlagen. Dieser hat aus uns unbekannten Gründen diesen Posten jedoch nicht angenommen. Als sich dann der gewesene Amtsschreiber zu Johannisburg, Michael Froehlich, um das neue Amt bewarb, versagte dieser bei der durch den Commissarius Fisci vorgenommenen Examination schmählich und der Amtsverweser von Johannisburg, Graf Waldburg, mußte wegen dieses Vorschlages einen deutlichen Rüffel seines königlichen Herrn einstecken. Dadurch vorsichtig geworden, ließ der Amtsverweser auch den nächsten Anwärter, einen Bürger Magdalinski aus Bialla, zur Besetzung der Stelle nicht zu. Da sich nun tatsächlich kein Interessent für die vacante Stelle des Stadtschreibers von Bialla mehr fand, wandte man sich an den Senat der Albertus-Universität in Königsberg und bat um Zuweisung eines »capablen studiosus der auch der Feder und der Polnischen Sprache mächtig sein mußte«. Nach mehreren Monaten hatte sich auf die an der Tabula publica, dem »Schwarzen Brett« bekanntgegebenen Ausschreibung ein einziger Student gemeldet. Aber auch dieser machte seine Meldung von gewissen Voraussetzungen abhängig, so »von der Höhe des Salarium fixum und ob es so zureichend sey, daß das einer davon subsistieren und sein tägliches Auskommen haben könne«. Nach wiederum langwierigen und zeitraubenden Berichten und Verhandlungen teilte man dem Studiosus mit, daß der Stadtschreiber in Bialla jährlich 100 Reichsthaler und noch 20 Rtlr. an Wohnungsgeld erhalten solle. Man schien wegen der Stellenbesetzung und der sehr energischen Berichtsanforderung des Königs in einiger Verlegenheit zu sein, denn man verhieß noch diesem einzigen Kandidaten, es könne ihm, wenn »er ein sitsamer, soberer und erbarer Mensch ist, auch von einem rechten bürgerlichen Umbgang, zur so viel besserer Subsistence der Richterdienst in dieser Stadt conferiret werden«. Die akademischen Stellen stellten dem jungen Studiosus ein »gutes Gezeugnis« aus und nachdem er sein Examen im Februar 1726 mit Auszeichnung bestanden hatte, wurde er  zum Stadtschreiber in Bialla bestellt. Dieser erste Stadtschreiber unseres Ortes war der Studiosus juris David Kotowski, aus Lyck gebürtig, der dann auch tatsächlich - wie bereits geschildert - später das Richteramt in Bialla bekleidete.

Über den Stadtkämmerer ist uns fast nichts gemeldet. Namentlich ist uns weder der erste aus der Reihe dieser Beamten, noch sonst einer aus ihren Reihen im Laufe der Jahre genannt. Wir hören allein um 1797 von dem Stadtkämmerer Anderson, der von 1786-1789 auch das Amt eines Kirchenvorstehers bekleidete.

VII. KAPITEL

Das VII. Kapitel
"Allgemeine wirtschaftliche Entwicklung"
stand im Original nicht zur Verfügung.
(Die Redaktion)

VIII. KAPITEL

Die Kirche.

Wie bereits gesagt wurde, hat Bialla verhältnismäßig früh eine eigene Kirche gehabt. Ueber die erste Kirche ist uns wenig bekannt. Wir wissen, daß sie sich ungefähr auf dem Platze der heutigen Volksschule erhoben haben muß und daß um sie herum der Kirchhof lag. Noch in neuerer Zeit sind bei Bauarbeiten die alten Gräber freigelegt worden. Nachdem die alte Kirche, an der schon in früherer Zeit sehr häufig Reparaturen vorgenommen werden mußten, bei dem Einfall der Tataren teilweise zerstört worden war, wurde sie nur notdürftig instandgesetzt. Sie ist ein teilweise hölzernes, teilweise ein Fachwerkgebäude gewesen und war ihr Zustand nach 1700 derart schlecht, daß er als »unwürdig« bezeichnet wird. In der Mitte des 18. Jahrhunderts, als der Ausbau Biallas sichtbare Fortschritte zu machen begann, wurde sie darum abgebrochen und unter dem Patronat des Königs 1756-1763 die neue evangelische Pfarrkirche erbaut. -

Nachdem Bialla zur Stadt erhoben worden war, werden die Nachrichten über kirchliche Verhältnisse häufiger und im allgemeinen läßt sich die Entwicklung der Kirchenbelange recht gut verfolgen. -- So wurde der Gottesdienst in der Stadt mit einer deutschen Frühpredigt begonnen, die der Diakonus hielt. Es folgte die polnische Mittagspredigt des derzeitigen Pfarrers. Die beiden Geistlichen verrichteten dann noch an den Sonntagen die Katechisation. Während anfangs die »Sonntags-Vesper«, die in dem Absingen zweier Lieder und der gewöhnlichen Collekte bestand, gehalten wurde, führte man später einen ordentlichen Nachmittags-Gottesdienst mit einer öffentlichen Catechisation ein. Dieser wurde den einen Sonntag in deutscher, den anderen in polnischer Sprache gehalten und bezweckte, claß sich zu ihm diejenigen, insbesondere die Gesinde einfinden sollten, die an den Vormittagspredigten nicht hatten teilnehmen können. -- An jedem Mittwoch wurde dann noch eine Betstunde in der Kirche gehalten. Diese war »umb derer deutschen Einwohner willen« eingeführt worden, damit diese »Gelegenheit hätten, den Großen Gott umb seinen Segen, und abwendung aller Land-, Stadt- und Hausplagen« anzurufen. Diese Betstunde wurde ausschlißlich in deutscher Sprache gehalten. - Aus einem Visitationsbericht des Jahres 1728 geht hervor, daß das ganze Jahr hindurch der Pfarrer nur polnisch, der Diakonus dagegen nur deutsch gepredigt haben. Es wurde dann die Verordnung angeregt, damit die Prediger beiderseits nicht »aus der Uebung dieser beyden Sprachen kommen«, daß jeden dritten Sonntag die Geistlichen sich ich den Predigten in der anderen Sprache abwechseln sollten. -- Neben den sonstigen geistlichen und kirchlichen Obliegenheiten unterrichteten die Geistlichen des Sonntags »in ihren Häusern« die Landjugend und an jedem Mittwoch die Kinder aus der Stadt im Christentum.

Ueber den Zustand des Kirchengebäudes vernehmen wir um 1730, daß die Kirche ein Bauwerk von Band- oder Fachwerk, teilweise auch ganz aus Holz ist. Sie sei jedoch sehr schadhaft und vor allem der Glockenturm sei halb verfaulet gewesen. Die übrigen kirchlichen Gebäude, die Caplaney, Widdem und das Hospital - von dem wir 1738 zum ersten Male hören - seien ebenfalls in sehr schlechtem Zustande und durchweg die Wände mit den Giebeln verfault und dem Zusammenstürzen nahe. Die Widdem war nach dem Tartaren-Einfall aus Holz erbaut worden und hatte ein Strohdach, stand aber noch, nachdem man sehr häufig notdürftig an ihm repariert und geflickt hatte, bis zum Jahre 1775. Immer und immer wieder ergingen sich die Geistlichen in berechtigten Klagen über den Zustand der kirchlichen Gebäude. Bis zum Neubau der Kirche aber wurde jedoch nur erreicht, daß die Pfarr-Widdem und ein Schuppen der Caplaney unter dem Aufwand von 19 Talern 84 Groschen, wozu noch freie Holzlieferung aus dem Beritt des Wildnisbereiters Marquard in Johannisburg kam, wieder nur repariert wurden.

Nach der Erhebung zur Stadt wurden durch die Ansiedlung der Handwerker eine ganze Menge Baugrund benötigt und als man u. a. an der Kumilskoer Landstraße 28 Häuser für neue Ansiedler mit Mitteln der Regierung erbaute, wurden die bisher der Nutzung der Geistlichen überlassenen Widdems-Gärten und der sogenannte Roßgarten teilweise den neuen Bürgern als Siedlungsstellen vom Magistrat zugewiesen. Dieses war der Grund zu langwierigen Differenzen zwischen der Stadtverwaltung und der Kirchengemeinde, die leider in mancher Beziehung sich für die Entwicklung des Ortes ungünstig auswirkten und lange Jahre hindurch das gute Einvernehmen zwischen Geistlichkeit und Magistrat trübten. -- Eine weitere Schwierigkeit, die die Kirche zu harten Angriffen gegen ihre Gemeinde zwang, war dann ferner noch der wohl seit der Pestzeit geübte Brauch der Bevölkerung, ihre Toten nicht auf dem Gottesacker der Kirche zu bestatten. Mit aller Schärfe und recht häufig wenden sich die Pfarrer gegen dieses willkürliche Beerdigen der Leichen auf den »Mogillen« oder privaten Begräbnis-Stätten. Man meldete die Toten nicht einmal bei der Kirche an und entzog dadurch ihr, den Predigern, dem Lehrer und dem Glöckner die ihnen zustehenden Gefälle. So wurden um 1750 fast alle Kinder »auf Mogillen« begraben und verschiedene alte Leute wünschten es sogar, nicht auf dem Gottesacker der Kirche, sondern an anderer Stelle ihre letzte Ruhestätte zu finden. So verlor der Pfarrer Ebels im Jahre 1750 an den ihm zustehenden Kirchen-Revenues 10 Taler, Prediger, Schulmeister und Glöckner zusammen 20 Taler an Accidentien auf diese Weise. Und das »bey ihrem ohnedem geringen Gehalt«, so schließt ein entrüsteter Bericht des Geistlichen.

Ein nicht unbeträchtlicher Schaden und unerfreuliche Mißhelligkeiten entstanden der Gemeinde 1754-1755 durch die plötzlich einsetzende Geisteskrankheit ihres Pfarrers Ebels. Dieser war in religiöse Wahnvorstellungen verfallen und neben einer zeitweise harmlosen Schwermut äußerte sich seine Krankheit in gefährlichen Tobsuchtsanfällen. Gefesselt an Händen und Füßen schlug und biß der Kranke um sich und wurde lange Monate hindurch Tag und Nacht von den Gemeindemitgliedern aus Stadt und Land bewacht. Nachdem die Krankheit schon 15 Monate anhielt, wurde den Bürgern und Bauern dieser nichts weniger als angenehme Dienst zuviel und erregte laute Unzufriedenheit, die zu recht unliebsamem Aergernis Anlaß bot. Im Juli 1755 wurde der gemütskranke Pfarrer in das »Große Hospital« nach Königsberg überführt.

Unter Aufbietung aller Mittel, nach vielen vergeblichen Anträgen und Petitionen sollte dann die Stadt endlich die neue Kirche erhalten. Der 1756 begonnene Bau wurde 1763 beendet. Es ist ein nicht orientierter Feldsteinbau mit Anwurf, während der Giebel aus Ziegeln aufgeführt wurde. Der Turm war ursprünglich wohl nur aus Holz. - Die großen Kosten, die der Neubau der Kirche der Gemeinde trotz der beträchtlichen Subventionen verursachte, haben sich lange Jahre hindurch in der Kirchenkasse bemerkbar gemacht. Die Kirchengefälle ließen sehr zu wünschen übrig und da häufige Reparaturen und Ausbauten sich bald an den Gebäuden als notwendig erwiesen, so kam die Kirchengemeinde bis in das neue Jahrhundert hinein nicht aus den pekuniären Schwierigkeiten heraus.

Zunächst beschaffte man im Jahre 1764 eine Kirchen-Uhr und zwar auf etwas komplizierte Art und Weise. - Im Jahre 1732 hatte der derzeitige Amtshauptmann von Johannisburg, Graf von Finckenstein, eine »Stuben=Uhre a' 52 Gulden 6 Groschen« anscheinend aus Strafgefällen gekauft und diese in der Widdem zu Bialla aufstellen lassen, damit - wie es heißt - »sowohl der Kirchen= als Schulendienst gehörig und ordentlich gehalten werden könnte«. Um nunmehr aus der städtischen Kämmerei-Kasse eine »publique Kirchen=Uhre« anzuschaffen, mußte die Stubenuhr in der Widdem verkauft werden, da nicht genug Mittel für diesen Ankauf vorhanden waren. - Im einem besonderen Fonds war jedoch eine größere Summe zurückgelegt worden und so erstand die Stadt denn eine Uhr, »welche vor dem im Oletzkoschen Schlosse gewesen« und 187 Taler 12 Groschen kostete. Der Verkauf der Stubenuhr, von dem man sich so viel versprochen hatte, war nicht lohnend; sie hat kaum 10 Taler gebracht. - Die neue Uhr wurde von dem Uhrmacher Johann Malnitz aus Stallupönen in dem Kirchturm angebracht und mit viertelstündigem Schlagwerk versehen. Die drei Zifferblätter waren aus Holz und wurden von dem einheimischen Tischler Jacob Behlke gefertigt. Der "Mahler Gurski", aus Bialla hatte diese »in gehöriger Arth auszumahlen« und insbesondere die Ziffern auf ihnen mit »ächt goldenen Farben« aufzutragen. Bialla hatte seine erste öffentliche und Turm-Uhr.

Bald ging man dann auch daran, für das neue Gotteshaus eine neue Orgel zu beschafften. Es scheint demnach die alte Kirche schon ein Orgelwerk besessen zu haben. Die Gelder zu dem Ankauf der neuen Orgel brachte die Gemeinde durch eine »freywillige Collecte« auf, doch fehlten zur vollen Bezahlung noch 50 Gulden. Diese gab der Adl. Gerichtsschreiber Rossius, ein frommer Mann, der Kirchengemeinde als Darlehen. Da ihr bald ein Legat des »Ober Holtz Inspektors  Maya« aus Königsberg zufiel, konnte das Darlehen bald beglichen werden.

Größere Kosten verursachten der Gemeinde aber seit 1770 eine Menge von Reparaturen, von denen sich gleich die ersten dank der energischen Verwendung des tüchtigen Pfarrers Kempf auf den Neubau des oben erwähnten, über 120 Jahre alten Prediger-Gebäudes erstreckten. Es wurde nämlich aus einer anfänglich wieder vorgenommenen Reparatur, der ja doch nur bei dem baufälligen Hause in kürzester Zeit wieder weitere kostspielige Instandsetzungen gefolgt wären, endlich doch noch die Genehmigung zu einem Neubau der Widdem eingeholt, der für das massiv aufgeführt kleine Gebäude insgesamt 1.044 Taler, 71 Groschen und 9 Pfennige kostete. Auch die Caplaney und die Wirtschaftsgebäude wurden, nachdem man unnütz beträchtliche Summen für anhaltende notdürftige Reparaturen ausgegeben hatte, endlich im Jahre 1788 neu erbaut. Ausschlaggebend für den Entschluß zum Neubau war ein Brand, der in dem sehr schadhaften Schornstein der Caplaney auskam, jedoch rechtzeitig gelöscht werden konnte. Die Bauten wurden 1795 fertig und kosteten 953 Taler und 34 Groschen.

Aber schon 1785 hatten sich an dem neuen Kirchengebäude selbst so beträchtliche Schäden herausgestellt, daß man trotz aller Not des Säckels sofort an die Beseitigung der Schäden gehen mußte. Das mit Schindeln belegte Dach war so schlecht, daß es in das Innere der Kirche hereinregnete und war völlig neu zu decken. Die auf die Chöre führenden Treppen waren verfault, konnten nicht mehr benutzt werden und waren wiederherzustellen. Und schließlich war von der Außenseite der nach Westen gelegenen Mauer der Bewurf abgeplatzt und mußte erneuert werden. - In einer flehentlichen Eingabe wandte man sich an den König, stellte diesem die schwierige Lage der Kirchengemeinde vor und erbat seine Hilfe. Der von dem Landbaumeister v. Schlichtburg aufgestellte Kostenanschlag allein für die Umdeckung des Daches sah unter Berücksichtigung der unentgeltlichen Hand- und Spanndienste der Gemeinde eine Summe von rund 120 Talern vor. Als die Reparaturen nach längerer Zeit, die letzte 1792, endlich ausgeführt wurden, waren schon wieder neue Schäden hinzugekommen, sodaß man sagen kann, daß die Ausbesserungen und Instandhaltungen der Kirchengebäude ein geradezu chronisches Uebel für die Kirchenkasse wurden.

Denn daß unter diesen Umständen es um den Zustand der Kirchenkasse sehr schlecht bestellt war, kann nicht wundernehmen. Immer und immer vernehmen wir, selbst wenn es sich um die Ausgabe kleiner Summen handelt, daß der Säckel der Kirche leer ist. Aber nicht nur die vielen Ausbesserungsarbeiten an den Gebäuden waren die Wurzeln des Uebels, auch die laufenden und festgesetzten Einnahmen der Kirche und ihrer Bedienten ließen vieles zu wünschen übrig. Da waren die Interims-Mieten für die Prediger, weiter die immer geringer werdenden Abgaben an Kirchen-Decen und anderem Gefälle. - So berichtet Pfarrer Kempf, der sich die allergrößte Mühe gab, den katastrophalen wirtschaftlichen Verhältnissen der Kirche zu steuern, wie die Kirchenkasse bedeutende Abnahmen in ihrem Einkommen erlitt. Er schreibt dazu: » . . . durch die hie und da im Kirchspiel etwas versandete und deswegen ausgeworfene, oder von einigen Einsassen verlassene, und jetzo auf wüsten Zins ausgetane Huben, von welchen die Einsassen, weil sie von der Contribution befreyet sind, vermeinen dahero auch den gewöhnlichen Kirchen=Decen nicht zahlen zu dörffen, denselben auch nicht zahlen wollen, da doch lt. der allergnädigsten Verordnung de anno 1638 kein Abgang an Decem auch von den gantz wüste liegenden Huben gestattet werden solle, weil der Decem nur was weniges nehmlich a 7 Groschen pro Hube jährlich importiret, und die Dorffs=Einsassen auf den wüste liegenden Huben entweder eine Vieh=Hütung, oder Gehege, oder Waldung, als z. E. die Dörffer Pawleczynen, Woynen, Lissen, Kruschewen, Konopken, Kosuchen etc. oder Gärte im Dorffe, oder sonst einigen anderen Nutzen haben. -- Nicht weniger leidet die armselige Kirche an ihrem Einkommen dadurch, daß da vorhere und nur vor einigen Jahren, viele vom Lande, ihre Todten bey der Kirche auf dem gewöhnlichen Kirchhofe haben begraben lassen, wodurch der Kirche an Glocken= Erd= und Leichentuch=Geld immer was zufiel, jetzo das ganze Jahr hindurch kaum 5. [oder] 6. ihre Todten bey der Kirche, hingegen die allermehrsten, ja fast alle auf den sogenannten Mogillen, und viele unter denselben noch dazu stillschweigend, ohne zu melden und ins Toten=Verzeichnis eintragen zu lassen, begraben, woraus zu ersehen, wieviel dadurch der Kirche und deren Bedienten entgeht«.

Bis in das neue Jahrhundert hinein dauerte dieser unerfreuliche Zustand an, um dann auch nur ganz allmählich gesunderen Verhältnissen Platz zu machen.

IX. KAPITEL

Die Schule.

Weniges nur ist uns über die ersten Anfänge der Schule in der Stadt Bialla erhalten. Die spärlichen Nachrichten sind auch noch so beschaffen, daß sich auch durch einige Kombination kein klares Bild über die Schulverhältnisse in Bialla in den Zeiten vor 1700 aufstellen läßt. -- Daß eine Kirchenschule schon seit ungefähr 1515 bestanden haben muß, ist bereits gesagt worden. Die Schule war bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts hinein einklassig. Den Unterricht erteilten die Geistlichen. Noch um 1730 vernehmen wir nicht mehr von der Art des Unterrichts und der Anzahl der Schulstunden, als daß die Landkinder von Ostern bis Martini an den Sonntagen und die schulpflichtigen Kinder der Stadt selbst als jedem Mittwoch des Jahres in der Religion unterrichtet wurden und das Lesen lernten. -- Um diese Zeit wurde angeregt, den folgenden Dörfern Landschulen einzurichten:

1) in Danowen
2) in Schwidren und Lodygowen
3) in Skarzynen und Slapien
4) in Pawlocyn
5) in Woynen und Fröhlichen
6) in Lyhsen und Krusiewen
7) in Gentken und Orlowen
8) in Kosuchen.

Gleichzeitig wurde es für sehr erwünscht gehalten, zu diesen acht neu einzurichtenden Landschulen wüste Hufen zu verleihen, was dann auch später tatsächlich geschehen ist. Es werden aufgezählt:

1 Hube in Danowen
1 Hube in Schwidren
1 Hube in Skarzynen
2 Huben in Kosuchen
1 Hube in Woynen
1 Hube in Krusiewen
1 Hube in Gentken.

Daß sich die Fortbildung nur auf das Allernotwendigste beschränkte ist selbstverständlich. Ein Bild über die Kenntnisse und den Lehrstoff in der sehr primitiv durchgeführten Schule geben uns Visitations-Berichte über die Prüfung der Konfirmanden. Es heißt z. B. in einem solchen Bericht von 1765, daß sich unter den Konfirmanden folgende Catechumenen befinden, die theils, zu lesen, theils zu buchstabieren anfangen. Anna Jemboczanka 16 J., Anna Laßkowna 16 J., Martin Zalewski 16 J., Jan Wuzak 17 J., Regina Plapistowna 17 J., Maria Lubowna 15 J., Wasil Dworak 15 J. Aber schon bereits in dem folgenden Jahrzehnt sind die Bildungsverhältnisse sichtlich besser geworden, denn hier gehört schon ein des Lesens unkundiges Kind zu den Ausnahmen. Zwei Klassen in der Schule von Bialla werden 1765 erwähnt, gleichzeitig auch ein Rektor Math. Schymanowski und der Cantor Fr. Surminski.

Da um diese Zeit auch schon ein eigenes Schulgebäude erwähnt ist, so ist anzunehmen, daß eine zweiklassige Schule mindestens schon seit einigen Jahren bestand. Wo sich das Schulgebäude befunden hat, ist nicht klar erkennbar. Es ist jedoch nicht ausgeschlossen, daß an seinem alten Platz der spätere Schulneubau errichtet worden ist, ungefähr also der Platz, auf dem heute das Gemeindehaus steht. Einen eigenen Lehrer hat Bialla bestimmt 1740 gehabt, von dem wir allerdings nur das eine wissen, daß er von seinem Gehalte kaum bestehen konnte. - Das alte Schulgebäude war aus Fachwerk. Es befand sich 1765 in einem jammervollen Zustande. Der betreffende Bericht sagt hierzu, »daß die Schultür nur etwas aufgemacht werden kann, da sich eine Wand gesenket. Die Stuben Wand kann nicht genugsam verklebet werden, indem der Regen von oben und von der Seite durchschläget, den Kalk wegspület und dem Winde den freyen Durchzug verursacht.« - Aus Ofen und Kamin fallen ganze Ziegel herunter und zerschlagen die Töpfe. »Das Dach ist auf dem gantzen Gebäude unbrauchbar und ist auf der Lucht gar keine Verwahrung. Auch aus dem Schornstein über der Tür fallen die Steine heraus, die eines Tages »Rectoris Tochter beynahe erschlagen hätten« und die Tür mit der darüberliegenden Wand sei durch den ausströmenden Rauch völlig schwarz geworden. Die Schulklasse, so schließt diese Meldung, sei so klein, daß einer den anderen behindere und an einen ordentlichen Unterricht nicht zu denken sei. In dem Schulgebäude wohnte in einem einzigen »gar kleinen Stübchen« der Rektor mit seiner großen Familie der nicht wußte, wie er darin den Seinen Schlafstätte geben sollte. Der Cantor wohnte in seinem eigenen Hause. - Wann dieses so baufällige Häuschen abgebrochen und durch einen Neubau ersetzt worden ist, ging aus den verfügbaren Akten nicht hervor. Es ist aber möglich, daß das jetzige Gemeindehaus, das ja heute in Bialla als das älteste Gebäude der Stadt angesehen wird und 1772 erbaut sein soll, tatsächlich der Schulneubau gewesen sein kann. 1789 wird wohl gesagt, daß die neue Schule »seinerzeit« von der Königl. Regierung erbaut worden ist, doch wird eine Jahreszahl nicht genannt. Nur Reparaturen waren an diesem Gebäude auch schon wieder in Mengen vorzunehmen, doch wurde die Genehmigung dazu erst nach 3 Jahren erteilt und die Räume waren inzwischen schon so schlecht geworden, daß »die Instructiones der Kinder dadurch behindert« wurden. Endlich 1793 wurde mit einem Aufwand von 71 Talern, 8 Groschen die Instandsetzung durchgeführt. - In welchen trostlosen Zuständen sich auch die Schulgebäude befunden haben müssen, beweist die Ausschreibung für die Wiederherstellung des Schul-Stalles, auf welche sich noch nach Monaten niemand meldete. Als endlich der Accise-Einnehmer Kuspiel die Arbeiten übernahm, machte er es, wie er sagte, nicht um der 75 Taler wegen, sondern nur »aus Liebe zu den hiesigen Schul-Lehrern«, die nicht einmal Raum hatten, ihr Brennholz unterzubringen.

1788 wird dann in Bialla schon eine lateinische Stadtschule genannt. Der zeitgenössische Bericht über diese lautet: »Hier ist auch eine Stadt-Schule, wovon sr. Majestät Patronus sind. Es stehen zwei Lehrer an derselben, Rectoris Gehalt aus der Kirchen und Cämmerei Casse 20 thl., Calende 100 Schfl. Roggen, Accid. Leichen, Leichen (!?), Trauungen, Schulgeld, zus. 13 thl. 30 gr. Cantor bekommt von den Kirchen und Cämmerei Casse zus. 20 thl., an Roggen 40 Schfl., alle arten zufälliger Einkünfte 11 thl. Beide Lehrer haben freie Wohnung. Es sind 2 Classen an derselben und jetzt 90 Schüler. Was den innern Zustand anbetrift, so sind die Lectiones in der Art eingerichtet: Zum Christenth. 4 St. (Stunden) NB,. Aufsagen der Sprüche 8 St., Historie 2, Geogr. 2, Rechnen 2, Schreiben 3, Cornelius 2, Entrop 2, Colloquia 2, Syntax 2, Exercit 2, Analys 1, Epistologr. 1 St. Auf II da das gewöhnliche. Hier ist kein andres Examen als nur bei der gewöhnl. Kirchen Visitation. Der Rector hat 36, der Cantor 30 Stunden. Kinder werden nicht zur Academie praeparirt. Neue Bücher kommen nicht vor, außer daß in der Historie Schrökn docirt wird«.

Um die weitere Entwicklung der Schule von Bialla gleich vorweg zu nehmen, soll hier noch kurz gesagt sein, daß eine dritte Klasse im Oktober 1836 und eine vierte Classe etwa um 1860 eingerichtet wurde. Als dann am am 1. Juni 1888 die fünfte und am 1. November 1897 die sechste Klasse hinzukam, richtete die Stadtverwaltung in dem alten Rathaus vier Räume zu Schulzwecken ein. Ueber die Entwicklung der Schule in den letzten drei Jahrzehnten soll an anderer Stelle dieser Festschrift berichtet werden.

X. KAPITEL

Kriegerische Ereignisse am Ende des 18. Jahrhunderts.

Hatte unsere Stadt sich bisher 80 gleichmäßigen Friedensjahren voll ruhiger Entwicklung erfreuen können, so sollte ihr das Ende dieses in der Geschichte der Stadt so bedeutungsvollen Jahrhunderts die Erregung und die Rückschläge kriegerischer Verwickelungen nicht ersparen. -- Als in der Zeit der zweiten und dritten Teilung Polens der polnische Staat in Parteihader und politischem Egoismus einzelner Gruppen und Grüppchen zerfiel, da bekam auch das preußische Grenzgebiet diese letzten Todeszuckungen eines zerrissenen Staatskörpers in kriegerischen Ereignissen unliebsam zu spüren. Die erregte Zeit der polnischen Selbstzerfleischung machte sich schon lange Jahre vorher nach außen bemerkbar und auch aus Bialla werden uns schon aus den Jahren um 1780 wieder Reibereien mit den polnischen Nachbarn gemeldet. Der typischste Fall dieser Art, der auch kulturhistorisch für unsere Stadt von Bedeutung ist, soll hier als ein Beispiel der sich in diesen Jahren häufenden Streitigkeiten zwischen der Grenzbevölkerung ausführlich geschildert werden.

Verschiedentlich hören wir, daß Delinquenten aller Art, vornehmlich aber Diebe vor dem Arme der Gerechtigkeit aus Bialla nach Polen flüchteten, dort Zuflucht suchten und auch stets fanden. Obgleich sich die Strafvollzugs-Behörden diesseits und jenseits der Grenze eine gewisse Gleichzügigkeit in der Verfolgung der Ueberläufer zugesichert hatten, wurde diese doch nur von preußischer Seite praktisch gestattet. Die Rechtspflege in Polen wurde in solchen Fällen regelmäßig durch die dortigen amtlichen Stellen, insbesondere durch die militärischen Behörden gehindert und wir vernehmen bittere Klagen des Magistrats von Bialla über diese einseitige Auffassung. Im Jahre 1783 war es vor allem ein in dem benachbarten polnischen Szczuczyn in Garnison stehender polnischer Fähnrich Starzynski, der sich der über die Grenze gekommenen Delinquenten annahm und die verfolgenden Biallaer in der gehässigsten Weise schikanierte. So desertierte aus der in Bialla garnisonierten Husaren-Esquadron ein Trompeter Rieß unter Mitnahme verschiedener Wertgegenstände und auch Geldsummen, die er Bürger entwendet hatte, und stellte sich unter den Schutz des genannten polnischen Fähnrichs. Diesem folgten dann bald weitere Deserteure und über den prägnantesten Fall, der gewisser humoristischer Momente nicht entbehrt, gibt uns am besten der folgende amtliche Bericht des Magistrats Aufschluß.

»Ein ganz sich auszeichnender Vorfall aber hat sich vor einigen Tagen ereignet, da ein Husar von der bei uns in Garnison stehenden Esquadron des Rittmeisters v. Lossow, von Hohenstock'schen Regiments, Nahmens Jantzon sammt dem Kgl. Pferde und völliger Montierung dersertierte, nachdem er seinem Wirth, einem hiesigen Bürger Nahmens Scerba angeblich weit über 100 Ducaten entwandt hatte, die dessen Ehegattin nur eben von ihrem bei ihr verstorbenen und aus Warschau retournierten Sohn geerbet und ohngezählt in Verwahrung genommen hatte. -- Weil kein Cartel oder Convention von Kgl. Pr. Seite mit Pohlen wegen der Deserteurs obwaltet, mithin alles dasjenige was Kgl. ist verfallen ist, so haben wir solchen nicht als Soldaten und was diesem anhängig, sondern als einen Capitalen Dieb, der einen Bürger hiesiger Stadt ansehnlich bestohlen, welches ererbte Geld unter die Mutter des Defuncti und dessen Geschwister zu vertheilen, und die eigentliche Summe schlechterdings annoch auszumitteln Ist, gehörig beim Rath in Szczuczyn reclamiret und um die Extradition dessen Ansuchung gethan. Es hatte sich aber dieser Dieb und Uebelthäter ebenfalls unter den Schutz des daselbst in Garnision stehenden Fähnrich Starzynski und dessen Tonarzysh begeben, der nicht allein unseren abgeordneten Bürger Nahmens Brodowski übel behandelte und solchen in Arrest ziehen wolte, so daß derselbe unverrichteter Sache sich schleunigst aus dem Staube machen maßte, sondern auch noch ärger wurde der bestohlene Bürger Scerba insultiret, der das ihm entwendete Geld verforderte. Er wurde als ein Spion, davor ihn der Dieb Jantzon ausgegeben in die Wache genommen, daselbst für ihn Asche mit Wasser beim Feuer statt Coffe zubereitet, welches er auch gewiß trinken müßte, wenn er mit großer Bitte sich nicht durch Hergebung 12 Silbergroschen zu Brandtwein Iosgekaufet hätte. Er wurde hiernächst mit unanständigen Dingen beleget, mußte die Wache rein machen, und endlich aus Furcht noch übler behandelt zu werden, mußte er statt der ihm gestohlenen mehr als 100 Ducaten, nur 15 Ducaten annehmen, und damit wurde er mit Gewalt und Schimpf durch einen Corparal aus der Garnison aus der Stadt gewiesen. Der Dieb wurde auf unsere Requisition nicht arretiret, sondern zu einer entfernten Garnison geschickt und die Erben dieser ansehnlichen ungezahlten Geldern, deren Summa allem Anschein nach, und wie sie die Päcke beschreiben sehr groß seyn müsse, und womit sonder Zweyfel Starzynski mit dem Diebe interessiret, stehen in Gefahr solches hiedurch zu verliehren. Wenn nun in allen Christl. Staaten die Diebe geschützet werden es contra lus naturale et gentium läuft, und wir durch dergleichen niederträchtige Behandlungen dieses Starzynski als Patron der Diebe der Unserigen in der nahe der Poln. Grenze liegenden Stadt Bialla gar nicht sicher sind, indem in diesen offenen Orthe der Desertion der Diebe so leicht nicht gewehret werden kann, und das Publikum gar sehr darunter leidet, so haben wir zwar weil periculum in mora diese Umstände und den entsezlichen Nachtheil der unserer Stadt dadurch erwächset Ew. Kgl. Majestät Residenten in Warschau von Buchholtz . . . angezeiget . . . . . «

Solche oder ähnliche Fälle waren in jenen Jahren an der Tagesordnung und bildeten den Auftakt zu dem offenen Ausbruch der Feindseligkeiten, der dann auch im Frühjahr 1794 die Polen zu letztem, verzweiflungsvollem Kampfe für die Erhaltung ihres Reiches die Waffen ergreifen ließ. -- An den Kämpfen der preußischen Truppen, die der spätere Nationalheld Masurens, der tüchtige General v. Günther befehligte, nahm auch die in Bialla garnisoierte Eskadron Husaren ruhmvollen Anteil. Die preußischen Kräfte waren gegenüber den polnischen Aufständigen zahlenmäßig sehr schwach und General v. Günther mußte sich von  der Narew-Linie auf das rechte Pisseck-Ufer zurückziehen. Zur Deckung der ostpreußischen Grenze ließ er nur schwache Posten zurück. So standen in dem schon genannten polnischen Städtchen Szczuczyn nur zwei Schwadronen Dragoner, die sich in Verkennung eines von General Günther gegebenen Befehls und weil sie sich gegen die große Menge der »Conföderirten«, wie die Polen damals genannt wurden, zu schwach fühlten, in »äußerster Eile von Szczuczyn bis Bialla -- 3 Meilen -- und von Bialia mit noch größerer Eile nach Arys -- wieder 3 Meilen« zurückzogen. Die Polen waren den Zurückziehenden jedoch nicht einen Schritt über die Grenze gefolgt, obgleich ihnen alle Straßen nach Johannisburg, Lyck und Bialla offen standen. -- Der Bevölkerung bemächtigte sich Furcht und Schrecken. Sie flüchteten tiefer ins Land, ließen ihre Wohnungen und Eigentun im Stich und suchten nur ihr Leben in Sicherheit zu bringen. - »Die Vorfälle - so heißt es in dem Briefe eines Augenzeugen - besonders dieser Rückzug, die mit den drohendsten Umständen, daß z. B. die Dragoner in Bialla von den Polen eingeschlossen wären erzählt wurden, verbreiteten überall Verwirrung und Schrecken und setzten eine Gegend von fünf Städten, Marggrabowa, Lyck, Arys, Bialla und Johannisburg in solche Bewegung, daß alle Einwohner mit ihren Habseligkeiten davon flohen und alle Landstraßen mit flüchtenden Wagen bedeckt waren.«

Die polnischen Aufständigen bewegten sich dann vorsichtig in zwei Kolonnen von je 2.000 Mann auf Bialla und Johannisburg vor. General Günther stand mit seinen schwachen Kräften bei Kolno und lieferte dort den weit überlegeneren Polen ein siegreiches Gefecht, bei dem er ihnen »3 Kanonen und 73 Gefangene abnahm.« Die andere polnische Kolonne war inzwischen tatsächlich am 9. Juli in Bialla eingerückt und besetzte auch die naheliegenden Dörfer. Mit Zittern und Zagen erwartete die zurückgebliebene Bevölkerung die unerhörtesten Grausamkeiten, die jedoch wider Erwarten nicht verübt wurden. Die Polen, deren Offiziere »durchgehends die Jacobinersprache führten, unsern König nie anders als: euer Tyrann nannten und sich wunderten, daß sie (die Bevölkerung) noch so blind wären, die knechtischen Fesseln des Despotismus zu tragen,« jedenfalls beschränkten sich darauf, in Bialla Lebensmittel einzutreiben und einiges Vieh mit sich zu nehmen. Ein zeitgenössischer Bericht sagt, daß »die Stadt 14 Ochsen liefern mußte; der Acciserendant mußte die Kasse abschließen und die vorräthigen 9 Thaler abgeben. Etwa für 20 Thaler Toback, sodann Salz wurden genommen, und überdem mußte für das Corps Essen und Trinken gegeben werden. Sonst wurde das Eigenthum durchaus nicht verletzt.« -

Als General Günther, der in Schiast am rechten Pisseck-Ufer stand, von der Besetzung Biallas erfuhr, äußerte er sich in heftigstem Unwillen: »Hat sie der Teufel noch nicht an der preußischen Grenze geholt, so will ich sie holen!« Er traf alle Vorbereitungen zum Angriff auf Bialla, als er die Nachricht von der Besetzung Kolnos durch ein stärkeres polnisches Corps erhielt, sich gegen dieses wandte und den oben erwähnten Sieg davontrug. Durch diesen unerwarteten Schlag bei Kolno gefährdet, zog sich auch die polnische Besatzung Biallas wieder auf Szczuczyn zurück. - Einige Maie im Verlaufe der weiteren Gefechte und Truppenbewegungen stand Bialla noch in Gefahr, wieder von den Polen besetzt zu werden, doch kam es dank der glücklichen und ausgezeichneten Kriegsführung des Generals von Günther nicht noch einmal zu einer tatsächlich ernsten Bedrohung der Stadt. Der »einjährige Krieg«, die dritte Teilung Polens bereitete 1795 dem polnischen Reich ein Ende. Neuostpreußen, die ehemals polnischen Gebiete jenseits der früheren Grenze wurden zu Preußen geschlagen, Bialla hatte für ein paar Jahrzehnte aufgehört, ein Grenzort zu sein.

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Quelle:
Text auch abgedruckt im Chronik Sammelband Arys - Bialla - Drygallen - Groß Rosinsko,
Selbstverlag der Kreisgemeinschaft Johannisburg / Ostpr. 1982, Seite 111-192,
Das Buch ist leider nicht mehr lieferbar.

 

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Stand: 23. September 2017