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Dienstantritt 1921
 

 
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Johannisburg in Ostpreußen

 
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Rosenberg / Westpreußen
Dienstantritt in Ostpreußen 1921

Vorbemerkung

Am 30. Januar 1933, ernannte Reichspräsident Paul von Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler – der Weg in Diktatur und Krieg und Völkermord war frei. Man hat viele Gründe für das Scheitern der Weimarer Republik genannt. Oft werden der Versailler Vertrag und die Wirtschaftskrise samt der hohen Arbeitslosigkeit dafür verantwortlich gemacht. Doch entscheidend war etwas anderes. Zu viele Deutsche wollten keine Demokratie; vor allem die konservativen Eliten verfolgten den neuen Staat mit unerbittlichem Hass. Die Erinnerungen Ferdinand Friedensburgs an seinen „Dienstantritt in Ostpreußen“ 1921, die wir hier leicht gekürzt abdrucken, berichten davon – ein eindrucksvolles Dokument, nicht ohne bitter-groteske Komik.

Dienstantritt in Ostpreußen 1921

Herr v. Puttkamer gedenkt zu verreisen
Oder: Warum die Republik von Weimar keine Chance hatte

Von Ferdinand Friedensburg (*)

Am 12. Januar 1921 traf ich abends um neun Uhr mit einem Personenzug auf der Nebenbahnstrecke Marienburg–Deutsch-Eylau in Rosenberg [heute: Susz] ein. Der offene, verschneite, von einigen Gaslampen spärlich erleuchtete Bahnsteig schien leer, doch löste sich aus dem Dunkel des Stationsgebäudes eine umfangreiche Gestalt, musterte die Handvoll Ausgestiegener und ging mir mit raschen Schritten entgegen. In korrekter Haltung des alten Unteroffiziers meldete sich der Fremde: „Kreisobersekretär Oehlschläger zum Empfang des Herrn Landrats!“ Ich verbarg meine Überraschung, daß er allein kam, schüttelte ihm die Hand und ging mit ihm durch die Sperre auf die halbdunkle Bahnhofsstraße, auf der einsam ein Mietauto stand, wie sich herausstellte, das einzige Auto des Ortes. „Nanu“, fragte ich nun doch, „wo ist denn das Auto der Kreisverwaltung?“ – „Das ist nicht verfügbar“, erwiderte Oehlschläger mit unverkennbarer Verlegenheit. Meine Frage „Warum denn nicht?“ erhielt den ominösen Bescheid: „Herr Landrat werden ja morgen früh sehen!“

Ich wollte mich mit dem mir noch fremden Untergebenen, noch dazu auf der Straße, nicht in lange Erörterungen einlassen. Wir bestiegen das holperige Gefährt und fuhren zum Hotel Lehmann, dem einzigen Gasthof der kleinen Kreisstadt, wo ich vorläufig Quartier nehmen sollte. Schon am Eingang scholl mir Geschrei entgegen, und es begegneten mir kräftige rotwangige Leute, die sich lebhaft unterhielten. Durch den offenen Saaleingang sah man eine sich auflösende Versammlung. Zwischen den erregt miteinander weiterdiskutierenden Leuten erkannte ich im Zigarrenrauch ein aus den Zeitungen bekanntes Gesicht, das des alten „Januschauer“, des Kammerherrn v. Oldenburg, der zwei Güter im Kreise besaß und dort auch wohnte. Er war berühmt geworden durch seinen Ausspruch, die Disziplin in der Armee müsse so zuverlässig sein, daß jederzeit ein Leutnant und zehn Mann genügten, um den Reichstag auseinanderzujagen. Jetzt blickte er vergnügt und anscheinend siegesbewußt um sich; offenbar hatte er erreicht, was er wollte. Ich fragte den Kellner, der mich in mein Zimmer führte, was hier denn los sei. Er antwortete gleichmütig: „Ach, das sind die Landwirte. Die protestieren nur gegen den neuen Landrat!“

Oben in meinem Zimmer konnte ich über diese ersten Eindrücke nachdenken, und erst jetzt dämmerte in mir die Ahnung auf, daß ich stürmischen Zeiten entgegengehen würde. Als man mir mit überraschender Kühnheit die Verwaltung eines ostpreußischen Kreises, eben des Kreises Rosenberg, übertragen hatte, bestanden die einzigen schweren Aufgaben, die mir angekündigt wurden, einmal in der Elektrifizierung des Kreises, die auf Grund der Kriegsfolgen in den Anfängen steckengeblieben war, und zum anderen in der im Versailler Friedensvertrag vorgesehenen und bald bevorstehenden Regulierung der nicht weniger als 100 Kilometer messenden neuen Grenze gegenüber Polen. Über meinen Vorgänger in der Verwaltung des Kreises, einen Regierungsrat v. Versen, hatte ich sich widersprechende Urteile gehört. Seine Abberufung sei erfolgt, wie man mir im Ministerium sagte, weil er mit dem Elektrizitätsproblem nicht fertig wurde; politisch gehe er ganz mit den Vertretern des Großgrundbesitzes zusammen. Von diesen sprach man wie von einer gegnerischen Macht. Die nutzbare Bodenfläche des rein landwirtschaftlichen Kreises mit seinen rund tausend Quadratkilometern befand sich zu zwei Dritteln in Händen des Großgrundbesitzes, und an ihrer Spitze stand außer der formidablen Figur des Elard v. Oldenburg auf Januschau eine Reihe adeliger Herren, die gewohnt waren, daß der Landrat aus ihren Kreisen kam.

Die Schreibtische sind leer, die Stühle hochgestellt

Da ich der erste nichtadelige Landrat war, noch dazu nicht aus dem Kreis stammte und einer Partei [der Deutschen Demokratischen Partei] angehörte, die links von den Konservativen stand, also nach Ansicht des Landadels nicht viel anders zu beurteilen war als die Kommunisten, war ich darauf gefaßt, von einem Teil der Bevölkerung nicht gerade begeistert begrüßt zu werden. Aber auf offenen Widerstand war ich weder vom Ministerium in Berlin noch vom Oberpräsidium in Königsberg vorbereitet worden. Offen gestanden, hatte ich mir mit meinen vierunddreißig Jahren auch keine allzu ernsten Sorgen gemacht.

Ich wurde eines Besseren, oder sagen wir, eines Schlechteren belehrt. Am Morgen nach meiner Ankunft ging ich zu Fuß durch das freundliche Städtchen, das mit seinen 3500 Einwohnern eher ein großes Dorf war, und fand im Landratsamt, einem schmucklosen Gebäude am Marktplatz, wohl meinen Freund vom Vorabend, Herrn Oehlschläger, in seinem Arbeitszimmer vor und vier Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der staatlichen Abteilung der Kreisverwaltung. Man muß wissen, daß der Landrat eine Doppelfunktion besaß; er war als commissarius regius Vertreter der Staatsregierung und verfügte in dieser Eigenschaft über ein besonderes kleines Büro. Hier war denn auch alles in Ordnung. Aber in seinem zweiten Gebiet, der kommunalen Selbstverwaltung des Kreises, vergleichbar der Verwaltung einer größeren Stadt, stand dem Landrat ein erheblicher bürokratischer Apparat mit etwa 40 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen zur Seite; hier regierte er, wie ein Oberbürgermeister mit seinem Magistrat, als Vorsitzender eines sechsköpfigen Kollegiums, des Kreisausschusses, auf dessen zustimmenden Beschluß er in allen wichtigen Fragen angewiesen war. Als ich die sogenannten Kreisaussschußräume betrat, fand ich eine gespenstische Öde vor. Mit Ausnahme eines einzigen Schreibtisches, an dem ein verdrossener, unschlüssig aussehender älterer Herr saß, waren alle Arbeitsplätze unbesetzt. Die Schreibtische waren leergeräumt, die Stühle übereinander gestellt, eine Kreisverwaltung gab es nicht mehr.

Oehlschläger, dessen Zuständigkeit mit den staatlichen Räumen ein Ende gefunden hatte, war mir auf meine Bitte, wenn auch in offensichtlicher Verlegenheit, gefolgt. „Ich würde empfehlen, jetzt das Landratszimmer aufzusuchen“, bemerkte er in beherrschtem Ton. Ich ging in den preußisch-schmucklosen Raum und fand auf dem Schreibtisch eine wohlgeordnete Anzahl von offen ausgebreiteten Dokumenten. Als ich das erste aufnahm, las ich das Protokoll: „Der Kreisausschuß hat in seiner Sitzung vom 10. Januar beschlossen, die Beamten und Angestellten des Kreisausschusses bis auf weiteres zu beurlauben.“ – „Der Kreisausschuß hat … beschlossen, das Kreisauto zu verkaufen und es bis dahin unter Verschluß zu halten.“ – „Der Kreisausschuß hat … beschlossen, die Dienstwohnung des Landrats in dem dem Kreis gehörigen Hof Rosenberg für den Preis von 400 Mark jährlich Herrn Regierungsrat v. Versen unabhängig von seiner dienstlichen Verwendung zunächst bis zum 1. Oktober zu vermieten.“– „Der Kreisausschuß hat dem sofortigen Ausscheiden des Kreischauffeurs Grablowski aus dem Kreisdienst zugestimmt.“ Wie ich bald erfuhr, hatte ihn mein Vorgänger in seinen persönlichen Dienst übernommen, nicht ohne ihm sein Gehalt aus der Kreiskasse auf drei Monate im voraus zu zahlen!

Ein Ehrenwort gegen die Republik

Ich fragte nach dem Aufenthalt v. Versens, der mir ja eigentlich die Dienstgeschäfte hätte übergeben müssen. Aber weder Oehlschläger noch der verdrossen einsame ältere Herr vermochten Auskunft zu geben. Es gelang mir trotz Fehlens der Telephonistin, den Fernsprechanschluß mit der Dienstwohnung herzustellen, und eine weibliche Stimme antwortete, v. Versen sei in Rosenberg gegenwärtig nicht erreichbar. Aus den Schreibtischpapieren entnahm ich, daß v. Versen die Dienstgeschäfte am Vortage dem Kreisdeputierten – einem der beiden nach der Kreisordnung bestimmten Vertreter des Landrats – einem Herrn v. Puttkamer, Groß Plauth, übergeben hatte. Ich rief auch diesen an, erreichte ihn sogar persönlich und bat ihn, zur Übergabe der Geschäfte nach Rosenberg zu kommen. „Im Laufe der nächsten Wochen ist es mir unmöglich, nach Rosenberg zu fahren!“ – „Dann bitte ich, Sie heute nachmittag in Groß-Plauth aufsuchen zu dürfen.“ – „Auch das geht nicht, da ich zu verreisen gedenke.“ Vollends eröffnete mir nunmehr der verdrossen-einsame ältere Herr, Kreisausschußobersekretär Pietzke, der, wie sich jetzt herausstellte, verdächtig war, links zu stehen, und der daher in das Komplott nicht einbezogen worden war, daß Herr v. Puttkamer alle sechs Kreisausschußmitglieder ehrenwörtlich verpflichtet hatte, an keiner von mir einzuberufenden Sitzung teilzunehmen. Ebenso seien die Amtsvorsteher verpflichtet worden, kein Schreiben von mir zu beantworten.

Ein letzter Strohhalm war der vorgesetzte Regierungspräsident, Graf v. Baudissin, in dem etwa 30 Kilometer entfernten Marienwerder. Er hatte die Güte, sich mit mir verbinden zu lassen, erklärte aber auf meine Bitte, mich sofort zu empfangen, er habe jetzt keine Zeit, ich solle am nächsten Tage kommen. Bei meinem Antrittsbesuch war dann Graf v. Baudissin betont formell und höflich. Auf meine Bitte, gegenüber dem offenbaren Boykott zu vermitteln, der die Kreisinteressen und die Staatsinteressen auf das schwerste gefährdete, erklärte er jedoch, das sei aussichtslos. Ich solle mich für die unangenehme Lage bei denen bedanken, die mich gegen seinen, Baudissins, Rat nach Rosenberg geschickt hätten!

Der für einen hohen preußischen Beamten geradezu unbegreifliche Bescheid öffnete mir endgültig die Augen; ich erkannte, woran ich war, sah aber zunächst keinen Ausweg. Im fernen Königsberger Oberpräsidium, wo erprobte Demokraten wie Oberpräsident Siehr und Oberpräsident Grzimek amtierten, Rat und Hilfe zu erbitten, hätte viel Zeit erfordert; auch hätte man mit den beratenden und beaufsichtigenden Kompetenzen des Oberpräsidenten kaum etwas ausrichten können. Offenbar war man dort auch uninformiert, weil man mich sonst auf die Lage in Rosenberg vorbereitet hätte.

Wieder abzureisen und dem Minister in Berlin zu melden, daß ich die übertragene Aufgabe nicht erfüllen könnte, also das zu tun, was die Herren v. Oldenburg und v. Puttkammer, wahrscheinlich auch Graf Baudissin, von mir erwarteten, kam selbstverständlich nicht in Frage. Andererseits sofort mit Polizei und Gericht vorzugehen, wäre aussichtslos gewesen. Dabei war rasches Handeln geboten. Die Grenzregulierung, bei der unter französischem Vorsitz Deutsche und Polen um jedes Gehöft zu ringen hatten, stand unmittelbar bevor. Noch wurden viele Lebensmittel mit Karten bewirtschaftet, und die Verteilung musste klappen, wenn nicht die Städte hungern sollten. In Berlin und Königsberg hatte man mir die schleunige Fortführung der Elektrifizierung ans Herz gelegt, da jeder Tag Zinsen kostete und das bereits angeschaffte Material im Winterwetter zu verderben drohte. Nun, alle Akten, die diese Hauptaufgaben betrafen, waren unauffindbar; es stellte sich rasch heraus, daß v. Versen sie teils selbst mitgenommen, teils an einige ihm besonders nahestehende Angestellte verteilt hatte. Diese jedoch waren sämtlich, mit Ausnahme des Herrn Pietzke, beurlaubt!

Um überhaupt mit rechtlicher Wirkung handeln, also die Sabotageakte rückgängig machen und die normale Arbeit wieder in Gang setzen zu können, bedurfte ich nach den gesetzlichen Bestimmungen der Beschlußfassung des Kreisausschusses. Wie konnte ich diese aber zustande bringen, wenn die Kreisausschußmitglieder meinem Ruf zur Sitzung nicht folgten? Im Rechtsstaat sind die Auflösung von arbeitsunfähigen Körperschaften, disziplinarrechtliche Entlassungen von renitenten Beamten, Neuwahl und Neuanstellung mit so vielen formellen Rechtssicherungen umgeben, daß Jahre vergangen wären, ehe ich eine arbeitsfähige Verwaltung auf die Beine gestellt hätte. Es kam also darauf an, in die scheinbar lückenlose und unangreifbare Front einzubrechen und die Diensträume wieder mit arbeitswilligen Beamten und Angestellten zu füllen.

Am nächsten Morgen beriet ich mich mit Herrn Pietzke, dem einzigen, der ein wenig Bescheid wußte, ohne in der gegnerischen Front mitzukämpfen. Auf meine Frage, wie man eine beschlußfähige Kreisausschußssitzung zustande bringen könnte, empfahl er abzuwarten, bis sich die Gemüter beruhigt hätten. Das aber konnte ich nicht verantworten. Zur Beschlußfähigkeit des Kreisausschusses war neben dem Landrat die Mitwirkung von zwei Mitgliedern vorgeschrieben. Diese zwei galt es herbeizuschaffen.

Eines der Kreisausschußmitglieder war der Bürgermeister von Rosenberg, Herr Hermsdorf. Er galt als parteilos, gutmütig und jedem Streit abgeneigt. Kurz entschlossen rief ich bei ihm an und kündigte ihm mit strahlender Liebenswürdigkeit meinen sofort erfolgenden Antrittsbesuch an. Das war nach den örtlichen Gepflogenheiten ungewöhnlich; der Herr Landrat pflegte die nachgeordneten Herren zu sich zu bitten. Aber so entfiel die Versuchung für Herrn H., krank zu werden oder verreisen zu müssen. Vor dem Rathaus stand der salutierende Ortspolizist, schon ein günstiges Vorzeichen. Oben begann ich mit einer unbefangenen Plauderei, ging dann langsam auf dienstliche Fragen über, freilich ohne die vorgefundene Konfliktlage auch nur andeutungsweise zu erwähnen. Um so eifriger betonte ich die Notwendigkeit voller Harmonie zwischen dem Landrat und dem Leiter der Kreisstadt. Der endgültige Standort des Kraftwerkes könne natürlich auch außerhalb Rosenbergs gewählt werden. Bei den Eisenbahn- und Straßenbauten, die die neue Grenze unerläßlich machte, ständen Lebensinteressen der Stadt auf dem Spiele, wobei sogar an die Verlegung des Sitzes der Kreisverwaltung nach der größten Stadt des Kreises, Deutsch-Eylau, gedacht würde. Mein Gesprächspartner wurde unruhig, und Schweißperlen erschienen auf seiner Stirn, worauf ich ihn beschwichtigte, die Staatsregierung werde selbstverständlich eine loyale Haltung, die die Stadt, insbesondere ihr Bürgermeister, bei allen politischen Auseinandersetzungen einnehme, nicht unberücksichtigt lassen. Nun, Herr Hermsdorf fragte mich zum Abschied, ob ich bereit sei, seine Aufnahme in die Deutsche Demokratische Partei zu befürworten. „Natürlich, wenn Sie mich so verständnisvoll unterstützen, wie Sie es ja offenbar vorhaben. A propos, für übermorgen rufe ich den Kreisausschuß zusammen, erwarte Sie also nachmittags 4 Uhr!“ Der arme Mann getraute sich nicht, an sein gegenteiliges Ehrenwort zu erinnern, sondern sagte eifrig zu. Ich selbst hütete mich, an die frische Wunde zu rühren. Jedenfalls hatte ich den ersten Trumpf gewonnen.

Durch die Kuchenberge bei Bauer Grönke

Nun aber der zweite! In langer Beratung mit Herrn Pietzke kam ich zu dem Schluß, daß von den verbleibenden fünf Mitgliedern des Kreisausschusses der Bauer Grönke, Amtsvorsteher in Guhringen, am ehesten für Zureden zu haben sein werde. Auch hier meldete ich mich unbefangen zu einem Antrittsbesuch an, diesmal für die Kaffeestunde. Das war in der Geschichte Guhringens noch nicht verzeichnet, daß der Landrat als Kaffeegast erschien, und Mutter Grönke buk Berge von Kuchen und stellte ebensolche Berge von Butter, Schinken und köstlichem Landbrot bereit. Ich fuhr pünktlich vor dem stattlichen Hofe Grönkes vor. Hier nahm ich mir nun ordentlich Zeit, vertilgte angemessene Teile der beschriebenen, übrigens vorzüglichen Berge, trank unwahrscheinliche Mengen von mäßigem Kaffee und mäßigem Schnaps, besuchte die Ställe, lobte die Ferkel, bewunderte den Gemeindebullen, freute mich über das drei Tage alte Fohlen und sprach kein Wort von meinen Sachen. Spät am Abend brachte mich Grönke mit der ganzen Familie zum Wagen, während die Dorfjugend Spalier bildete. Im Einsteigen sagte ich beiläufig zu meinem Gastgeber: „Übrigens übermorgen nachmittag haben wir Kreisausschußsitzung; ich freue mich auf das Wiedersehen.“ Der Bauer war aus härterem Holz geschnitzt als der Bürgermeister, er wurde tiefrot und stammelte: „Ich kann doch nicht kommen.“ – „Nanu, warum denn nicht, Sie sind doch Mitglied?“ – „Ich habe doch mein Ehrenwort gegeben!“ Nun möglichst obenhin: „Aber, lieber Herr Grönke, das haben Sie doch nicht freiwillig getan, wie ich Sie jetzt kenne.“ – „Nein, natürlich nicht, gewiß nicht.“ – „Na, dann gilt das Ehrenwort doch nicht. Es steht ja auch im Widerspruch zu Ihren beiden Amtseiden als Kreisausschußmitglied und als Amtsvorsteher. Da haben Sie doch geschworen, Ihre Pflichten gewissenhaft zu erfüllen. Und zwar haben Sie das freiwillig beschworen, oder nicht?“ – „Natürlich, Herr Landrat.“ „Na, dann ist es doch klar! Das, was Ihnen Herr v. Puttkamer abverlangt hat, ist selbstverständlich ungültig gegenüber dem, was Sie freiwillig und amtlich geschworen haben, habe ich nicht recht?“ – „Jawohl, Herr Landrat“, preßte Grönke hervor, und als ich ihm aus dem Wagen die Hand drückte und „auf Wiedersehen übermorgen um 4 Uhr!“ zurief, konnte er nur noch stumm nicken.

Trotzdem wollte ich mit meiner entscheidenden Kreisausschußsitzung sichergehen; damit nicht im maßgebenden Augenblick die Tochter krank oder das Pferd lahm wurde, nahm ich das letzte Mal das Mietauto und fuhr an dem kritischen Tage in Guhringen vor, um meinen Freund abzuholen, und, da auch der Bürgermeister überrechtzeitig eintraf, konnten wir zur festgesetzten Stunde pünktlich und beschlußfähig im Sitzungszimmer des noch immer leeren Kreishauses zusammentreten. Die vier anderen Mitglieder, die ich schriftlich mit der Post geladen hatte, waren ohne Entschuldigung fortgeblieben. Ich leitete mit einer kurzen Ansprache ein, in der ich die nationale und lokale Dringlichkeit einer arbeitsfähigen Kreisverwaltung darlegte, ging aber mit keinem Wort auf die Verschwörung der Herren v. Oldenburg und v. Puttkamer ein.

So legte ich unbekümmert das von den beiden mitunterschriebene Protokoll der letzten Sitzung vor, und Punkt für Punkt, in systematischer Reihenfolge, wurden die Boykottmaßnahmen rückgängig gemacht. Ich schickte den Kreisboten noch am Nachmittag in sämtliche Wohnungen der Beamten und Angestellten mit der schriftlichen Anweisung an jeden, am nächsten Morgen bei Vermeidung disziplinarrechtlicher Verfolgung pünktlich und mit allen in ihren Händen befindlichen Aktenstücken zum Dienst zu erscheinen. Und alle, alle kamen und setzten sich an die Arbeit, als wenn nichts geschehen wäre.

Es gab noch einige Rückzugsgefechte, die aber alle mißglückten. Bei der im Frühjahr 1921 angesetzten Neuwahl des Kreistages konnten die Deutschnationalen nicht wagen, die Herren v. Oldenburg und v. Puttkamer wieder kandidieren zu lassen, und in der neuen Körperschaft stand den 13 Rechtsblock-Mitgliedern eine recht kampfbereite Front von 11 Linksparteilern gegenüber. Vom Rechtsblock spalteten sich schon in den ersten Sitzungen genug Vernünftige ab, um mir für die ganzen vier Jahre meiner Landratstätigkeit eine sichere Mehrheit für meine Arbeit zu gewährleisten. Versen wurde von der Preußischen Regierung nach einem Disziplinarverfahren aus dem Staatsdienst entlassen.

Noch einmal rief der alte Januschauer zu einer Protestversammlung auf; als aber nur noch ein Drittel der Leute, die an der Versammlung am Abend meines Eintreffens in Rosenberg teilgenommen hatten, dem Rufe folgten, resignierte er. „So auf das falsche Pferd gesetzt habe ich noch nie“, sagte er zu einem Freunde. Die Lektion hielt nicht lange vor; schon fünf Jahre später war er einer der Hauptanstifter des Class-Putsches, und 1933 begann er mit der Unterstützung und Beratung Hitlers und der Rückkehr in den Reichstag eine neue verhängnisvolle Rolle zu spielen. Sicherlich war er kein eigentlicher Nationalsozialist, und wenn er noch lebte, würde er diese Bezeichnung entrüstet ablehnen. Aber sein leidenschaftlicher Haß auf die Demokratie, die Sorge um die jahrhundertelange Vormachtstellung und ein verstiegenes Nationalgefühl machten ihn zum Wegbereiter und Helfer der Verderber Deutschlands. Bei dem starken Einfluß, den v. Oldenburg auf Hindenburg ausübte – auch [Hindenburgs Gut] Neudeck lag im Kreis Rosenberg – besteht hohe Wahrscheinlichkeit, daß es gerade auf ihn zurückzuführen ist, wenn Hindenburg sich mit dem „böhmischen Gefreiten“ abfand und damit dem deutschen Unheil freie Bahn ließ.

* Der Autor dieses Textes, Ferdinand Friedensburg (1886 bis 1972), Jurist und Bergbaufachmann, wurde nach seiner Landratszeit 1925 Vizepräsident der Berliner Polizei und 1927 Regierungspräsident in Kassel. 1933 amtsenthoben, war er von 1946 bis 1951 stellvertretender Oberbürgermeister (CDU) von Berlin. Zugleich leitete er bis 1968 das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung. Seine Erinnerungen, 1969 erschienen, sind seit langem vergriffen.

Quellen:
Aus den Erinnerungen von Ferdinand Friedensburg (1886 bis 1972), erschienen 1969;
veröffentlicht in:
DIE ZEIT 06/2003, (http://www.zeit.de/2003/06/A-1933), 30.1.2003

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Stand: 21. Januar 2017