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Was kostet ein menschliches Schicksal?
Internet-Handel mit Erkennungsmarken fördert Grabräuberei
Ein Beitrag von Rainer Ruff
Generalsekretär des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge

Was kostet ein menschliches Schicksal? Diese Frage muss man sich stellen, wenn man auf der Versteigerungs-Plattform eBay unter dem Stichwort „Erkennungsmarke“ nachsieht. So bietet am 15. Mai [2006] ein Mitbürger, der sich mit dem Namen „marinehome 1“ tarnt, verschiedene ganze Erkennungsmarken von deutschen Soldaten des Zweiten Weltkrieges an. Es sind offenbar „echte Schnäppchen“: Das Stück gibt es ab 1,99 Euro. Für die Erkennungsmarke eines Fallschirmjägers liegen immerhin neun Gebote vor. Der Meistbietende will 25,01 Euro ausgeben. Die Auktion soll noch zwei Tage, zehn Stunden und 42 Minuten laufen. Am Ende kann sich „marinehome 1“ vielleicht über 40 oder 50 Euro freuen. Dagegen möchte der Volksbund künftig stärker vorgehen.

Gräber geplündert

Es ist schwer nachzuvollziehen, woher „marinehome 1“ die Marke hat, woher all die anderen Anbieter die Erkennungsmarken haben, die zur Identifizierung der Kriegstoten so wichtig sind. Manche stammen sicher aus Nachlässen, manche sind Nachprägungen oder Fälschungen – viele aber nicht. „Ailcol2“ ist ein so genannter PowerSeller bei eBay, also einer, der viel verkauft, besonders erfolgreich und zuverlässig ist. „Ailcol2“ bietet am 15. Mai eine in Polen ausgegrabene Erkennungsmarke an. Der Preis: 20 Dollar zuzüglich 3 Dollar Versandkosten. Das heißt wahrscheinlich: In Polen ist vor kurzem ein Kriegsgrab geplündert worden. Die Erkennungsmarke befindet sich nun nicht mehr bei den Gebeinen, die vermutlich achtlos beiseite geworfen wurden. Dieser Soldat wird, wenn überhaupt, namenlos bestattet. Seine Familie wird nie mehr erfahren, ob er überhaupt gefunden wurde. Sie wird niemals den Ort aufsuchen können, wo die Erinnerung und die Trauer fassbar werden. Für 23 Dollar oder mehr, wenn „Ailcol2“ einen Interessenten findet, wird das Schicksal ihres Angehörigen verkauft. Der Plünderer vor Ort hat davon allenfalls ein paar Cent, vielleicht einige wenige Dollar erhalten.

Traurig und wütend

Es macht traurig und wütend zugleich, dass die Menschenwürde der Kriegstoten und der Angehörigen so mit Füßen getreten wird. Der Volksbund hat sich bereits im Jahr 2003 an die Deutsche Dienststelle (ehemalige Wehrmachtauskunftstelle), gewandt, die unter anderem den Nachlass der deutschen Wehrmachtsangehörigen verwaltet. Inzwischen gibt es auch einen recht guten Kontakt zwischen der Deutschen Dienststelle und eBay. Die Auktionsplattform ist selbst daran interessiert, die Versteigerung von Erkennungsmarken und anderen Gegenständen zweifelhafter Herkunft zu unterbinden. Nur ist das in der Praxis einfach nicht ganz zu erreichen. Die Deutsche Dienststelle beobachtet alle entsprechenden Angebote und wendet sich umgehend an eBay, falls eine Erkennungsmarke darauf schließen lässt, dass sie auf illegale Weise in den Handel gelangt ist. Übrigens können Sie auch selbst eBay direkt per E-Mail anschreiben, wenn Sie ein unzulässiges Angebot sehen: http://pages.ebay.de/help/contact_us/_base/index.html.

Illegale Fundstücke

Dennoch: Erkennungsmarken werden immer wieder angeboten, zum Teil ganz offen als „Bodenfund“. Manche Anbieter behaupten, die Marken legal erworben zu haben, und das kann juristisch betrachtet sogar stimmen. Es mag sein, dass es in solchen Fällen keine rechtliche Möglichkeit gibt, den Handel zu unterbinden. Oder es ist einfach viel zu mühsam, die ursprüngliche Herkunft eines solchen Gegenstandes nachzuweisen. Das aber ändert nichts an der Tatsache, dass der weltweite Handel massiv dazu beiträgt, dass immer weiter Kriegsgräber geplündert werden. Der Volksbund verurteilt dies auf das Schärfste! Wir wollen eBay nicht schaden und achten die Bemühungen, das Problem zu lösen. Aber es wäre noch mehr Unterstützung durch das Unternehmen denkbar. Es wäre gut, wenn bei jedem Angebot einer Erkennungsmarke ein Hinweis erscheinen würde, dass diese aus einem Grabraub stammen könnte und bei der Deutschen Dienststelle abzuliefern wäre. Übrigens gibt es unabhängig von eBay weltweit noch viel mehr Angebote solcher Art. Suchen Sie im Internet einfach einmal nach dem Begriff „dog tag“ (Hunde- bzw. Erkennungsmarke).

Bitte an Bundesregierung

Der Volksbund wird die Bundesregierung bitten, auf die Länder, in denen Kriegsgräber geplündert werden, verstärkt einzuwirken. Wir wenden uns doch auch gegen Gräberschändungen in Deutschland wie Anfang Mai auf einer sowjetischen Kriegsgräberstätte in Leipzig. Wir fordern, dass die Schäden unverzüglich beseitigt werden und dass mehr zur Verhinderung solcher Taten unternommen wird. Man wird im Osten nicht jedes einzelne Grab schützen können, bis der Volksbund die Toten geborgen hat. Aber es muss etwas passieren.

Sicher sind die Kriegstoten vor Plünderung und Entwürdigung nur auf unseren Sammelfriedhöfen. Denn dort ist nichts mehr zu holen, was die weltweit tätige Sammlergemeinde interessieren könnte: keine Orden, keine Messer, keine Koppelschlösser, keine Helme – und vor allem keine Erkennungsmarken. Bitte helfen Sie uns, die Kriegstoten zu bergen. Es ist furchtbar schwierig, den Grabräubern zuvorzukommen, und häufig gelingt es uns auch nicht. Solange es Sammler von Erkennungsmarken gibt, wird es auch den Handel geben. Aber wir dürfen deshalb nicht aufgeben. Wir sind es den Opfern und ihren Angehörigen schuldig, und unserer Kultur!

Quelle:
Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.,
http://www.volksbund.de, 2006

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